Achtsamkeit

Achtsamkeit

Heutzutage ist der Begriff “Achtsamkeit” fast schon zu einem Modewort verkommen. In den Medien, wie Fernsehen, Boulevard-Magazinen u. a. wird dieser Begriff im Zusammenhang mit dem Begriff “Entschleunigung” genannt, und teilweise als das Gleiche betrachtet. Ursprünglich hat den Begriff der “Achtsamkeit” die amerikanische Psychologin Marsha Linehan geprägt. Sie war selbst an einer Borderline-Persönlichkeitsstörung erkrankt, und entwickelte in Anlehnung an Zen Buddhismus, eine Methode für sich, die zur Stabilisierung ihrer Befindlichkeit führen sollte. Im Laufe der Jahre entwickelte sie eine Psychotherapie-Methode zur Behandlung der Borderline-Persönlichkeitsstörung, die dialektisch-behaviorale-Therapie. Viele Psychologen, Couches und auch Manager haben aus dieser aus Therapieform den Aspekt der Achtsamkeit entlehnt, und versuchen daraus ihr eigenes für ihre Zwecke dienliches Konzept zu entwickeln. Mitunter wird daraus eine verflachte, stereotypische Verwendung des Begriffes “Achtsamkeit”, der die tiefere Bedeutung verschwimmen und sogar vergessen lässt. 

In den 80er Jahren, wo dieser Begriff in der Form noch keine Anwendung fand, lernte ich die dazu gehörigen Übungen bereits in Fortbildungen und psychotherapeutischen Sitzungen kennen. Diese wurden zu diesem Zeitpunkt nur nicht “Achtsamkeitsübungen” genannt, denn sie hatten noch keinen spezifischen Namen. So musste ich z.B. in einen mir fremden Raum gehen, mich zwei Minuten umsehen und mir die Inhalte dieses Raumes einprägen und diesen Raum wieder verlassen. Nachdem ich wieder im Sitzungsraum war, durfte ich dann die Dinge beschreiben, die ich dort in diesem Raum gesehen habe. Oder in einer anderen Übung durfte ich mich langsam abtasten und die Körperteile beschreiben, benennen und beschreiben ob mir dieser Körperteil gefällt.

In der heutigen Zeit finden ähnliche Übungen in Programmen für Menschen mit Depressionen oder einer “Erschöpfungsdepression” Burnout genannt Anwendung. Sich mit Achtsamkeit zu beschäftigen, kann unterschiedliche Motivationen haben. Achtsamkeit ist eine innere Haltung, die es ermöglicht, das eigene Befinden zu erspüren, seine Gedanken zu ordnen, aufmerksam zu sein, zu entspannen und eine Balance zwischen Gefühl und Verstand herzustellen. Achtsamkeit basiert auf fernöstlichen Elementen, insbesondere aus dem Zen. Die Zen-Methode ist konkret und praktisch, wobei die stille Meditation ein wichtiges Element darstellt. Achtsamkeit kann eine Quelle sein, die im Alltag umgesetzt werden kann, um so überhaupt auf dauer ihren Bestand zu haben. Sie braucht in der Anwendung Zeit und entwickelt sich in einem Prozess, wofür man sich innerlich entscheiden muss. Sie erfordert Übung, Training und immer wiederkehrende Bewusstwerdung. Achtsamkeit heißt, im Hier und Jetzt zu sein und beginnt mit einer erhöhten Aufmerksamkeit, die zu mehr Wachheit und Wachsamkeit führt. Die Wahrnehmung wird geschärft und verfeinert, wodurch sich neue Blickwinkel der Wahrnehmung öffnen und bereits Vergessenes wird neu wahrgenommen und eventuell anders als vorher empfunden. 

Auf jeden Fall werden die fünf Sinne geschult, sodass angenehme Dinge schneller in den Mittelpunkt rücken können. Achtsamkeit fördert die Konzentration und die Besinnung auf eine Sache. Diese Besinnung brauchen nicht nur Menschen in einer Krise oder bei Krankheit, sonder auch für den sogenannten “Normalbürger” kann diese Haltung von Nutzen sein. Im Zeitalter von “Multi-Tasking” gilt es als besonders leistungsstark und pfiffig mehrere Dinge gleichzeitig ausführen zu können. Dabei kann es passieren, dass Leichtigkeit und Gelassenheit auf der Strecke bleiben. 

Hier nun zwei Übungen für das Kennenlernen seiner Achtsamkeit: 

Übung 1, Äußere Achtsamkeit: 

Wählen Sie einen Gegenstand und nehmen Sie diesen mit all ihren Sinnen wahr, also durch Sehen, Hören, Riechen, Schmecken und Tasten. Schätzen Sie Größe und Gewicht, beschreiben Sie die Materialbeschaffenheit und Farbe. Seien sie neugierig, als hätten sie den Gegenstand zum ersten Mal in der Hand. Sie haben zwei Minuten Zeit, den Gegenstand achtsam wahrzunehmen. Wenn Sie wollen können sie ihre Wahrnehmung auch kurz notieren, um diese so zu verfestigen.

Übung 2, Innere Achtsamkeit: 

Nehmen Sie eine bequeme Sitzhaltung ein, die Füße haben Bodenkontakt. Schließen sie die Augen, wenn das nicht möglich ist, suchen sie sich einen ruhigen Punkt im Raum. Nehmen sie sich zwei Minuten Zeit, achtsam zu atmen. Versuchen sie, ihrem Atem zu folgen. Wenn sie abgelenkt werden, nehmen sie die Ablenkung an, lassen sie fließen und kehren wieder zu ihrem Atem zurück. Nach diesen zwei Minuten können sie auch hier wieder ihre Wahrnehmung schriftlich notieren um sie so zu verfestigen. Bedenken sie dabei, es ist ihre Wahrnehmung, die nicht nicht peinlich, irrsinnig oder gar dumm, es ist lediglich ihre Wahrnehmung. 

Hierbei wünsche ich Ihnen viel Erfolg!

Michael Drews

Literatur:

Marscha Linehan: “Dialektisch-Behaviorale Therapie der Borderline-Persönlichkeitsstörung”, München 1996

Luise Reddemann: “Imagination als heilsame Kraft”, Stuttgart 2006

Maria Boden / Doris Rolke: “Krisen bewältigen, Stabilität erhalten, Veränderungen ermöglichen”, Bonn 2008