Armut in Deutschland

Armut in Deutschland

Seit Einführung der Agenda 2010 im Jahre 2003 ist die Armut in Deutschland sichtbar stark gestiegen. Die Schlangen vor den Ausgabestellen der “Tafeln” werden immer länger. Auf den Straßen der Fußgängerzonen in den Großstädten häufen sich die Bettler. Die Flaschensammler und “Mülltonnenkieker” werden immer mehr und vor allem immer älter. Selbst an der Kleidung vieler Menschen ist ersichtlich, dass bei ihnen das Geld knapp ist um sich gepflegt zu Kleiden. Der Begriff der “Armut” wird im privaten Bereich sowie in der breiten Öffentlichkeit vielfach genannt und diskutiert. Dabei kommt es mitunter auch zu größeren Meinungsverschiedenheiten wenn es darum geht festzustellen, was Armut überhaupt bedeutet und wie man dieses Phänomen konkret definiert.

Die kontroversen Diskussionen spiegeln die gesellschaftliche und politische Brisanz des Themas Armut wider. Der bisherige Umgang mit dem strittigen Phänomen Armut widerspricht dem Verfassungsgebot, in welchem jedem Bürger ein menschenwürdiges Leben im Sinne einer Teilhabe am “normalen” gesellschaftlichen Leben ermöglicht werden soll. Würde also die Existenz von Armut empirisch eindeutig nachweisbar sein und auf politischer Ebene ein Eingeständnis dieser Existenz erfolgen, bestünde ein politischer Handlungsdruck. Wenn man nach dem adäquaten Verständnis von Armut und den dementsprechenden Abgrenzungen dieses Phänomens fragt, ist man häufig kontroversen Diskussionen ausgesetzt. Michael Zwick schreibt, dass es verschiedene Kriterien gibt, die mit Berechtigung gute Argumente für sich beanspruchen, aber doch zu unterschiedlichen Armutsbegriffen und von einander abweichenden Größenordnungen bezüglich der Bevölkerungskreise die von Armut betroffen sind führen. In wissenschaftlichen Publikationen werden unterschiedliche Armutsindikatoren benannt.

Arbeitslosigkeit, Belastung durch kritische Lebensereignisse wie Trennungen, Ehescheidungen oder der Status der Alleinerziehenden, sowie der Bezug von Sozialhilfe bzw. Grundsicherung oder ein Haushaltseinkommen, das mit einer bestimmten Prozentangabe unter dem durchschnittlichen Haushaltseinkommen liegt, werden als Armutsindikatoren bezeichnet. Zwick meint, das der Armutsbegriff im oben genannten Zusammenhang als zu eng erscheint. Weniger undurchsichtiger wäre es, von Lebenslagen zu sprechen, die aus verschiedenen Perspektiven als belastend betrachtet werden und in der Regel mit knappen finanziellen Ressourcen verknüpft sind.

Für Walter Krämer ist Armut ein mehrdimensionaler Begriff, äußerst vieldeutig, vage und je nach Fragestellung anders bestimmbar. Er leitet das Wort “arm” aus dem lateinischen >miser = elend, unglücklich< ab, woraus hervor geht, dass derjenige als arm zu bezeichnen ist, der Mitleid auf sich zieht. Das kann seiner Auffassung nach jemand sein, der keinen Mann oder Frau bekommt, Kranke oder Behinderte, Kinderlose, Menschen die nicht Lesen und nicht Schreiben können, Menschen die einer “falschen” Religion angehören, keine Arbeit oder keine Freunde haben, oder andere von der Gesellschaft geschätzten immateriellen oder materiellen Güter nicht besitzen. Kramer schreibt, dass andere Wissenschaftler unter Armut einen Mangel an Einfluss und Geltungsmöglichkeiten verstehen und erwähnt in diesem Zusammenhang die “Subkultur-Theorie” der Armut, wonach Armut weniger durch das Einkommen oder dem Vermögen bestimmt wird, sondern am Verhalten und am persönlichen Charakter der Armen festgemacht wird. Die “Subkultur der Armut” breitet sich verstärkt in der Bevölkerungsschicht mit einem niedrigen Einkommen aus. Aber der Tatbestand des Niedrigeinkommens ist laut Krämer nicht gleichzusetzen mit einer Reduktion an subjektiver Lebensfreude. In diesem Sinne kann man einen querschnittsgelähmten Millionär als arm sowie als reich bezeichnen.

Aufgrund der Vielfältigkeit der Armutsbestimmungen haben die vereinten Nationen das Einkommen als alleinigen Indikator für die Armutsdefinition aufgegeben. Sie sprechen von vier Dimensionen der Armut die sich überlappen, aber auch einzeln auftreten können und werden wie folgt benannt: Short life, Illiteracy, Exclusion, Lack of material means. Sofern sich die einzelnen Aspekte überlappen, verstärken sie sich, sie können allerdings auch unabhängig voneinander und einzeln auftreten. Bei einer möglichen Überlappung der einzelnen Aspekte bleibt eine mögliche Armutsdefinition allerdings immer noch offen. Werner Hübinger schreibt, dass Armut heute ein relativer Begriff ist. Die Bedeutung Des Begriffes “relative Armut” hängt von den kulturellen und gesellschaftlichen Normen zu einem bestimmten Zeitpunkt ab. In der Armutsforschung sind sieben gängige wissenschaftliche Armutskonzepte bekannt, die nachfolgend darstellen werde.

Absolute Armut

Die begriffliche Bestimmung der “absoluten Armut” bezeichnet Armut als existentielle Notlage. Darunter wird verstanden, dass das physische Existenzminimum nicht als gesichert gilt. Nach Scheuerle sind alle Menschen als arm zu betrachten, die langfristig ihre körperliche Selbsterhaltung nicht eigenständig sichern können. Als Existenzminimum gibt er Nahrung, Kleidung, Obdach und eine damit verbundene Gesundheit an. Als Begründer dieser Armutsdefinition gelten Charles Booth und Seebohm B.Rowntree, die um die Jahrhundertwende (1900) die ersten systematischen Untersuchungen über die Lebensbedingungen der in Armut lebenden Menschen lieferten. Rowntree erweiterte die sehr umfangreiche Abhandlung von Booth und übertrug die Ergebnisse auf die englische Stadt York, um zu einer erweiterten Sozialberichterstattung zu kommen.

Laut Dietz unterschied Rowntree Armut als Überlebensstandard in “primary” und “secondary” poverty. Um die Überlebensgrenze zu ermitteln benennt Rowntree drei Indikatoren: Ernährung, Wohnen und Haushaltsartikel wie Kleidung, Licht und Brennstoff. Für jeden Indikator werden die Durchschnittsausgaben berechnet, welche in Bezug auf Bevölkerungsgruppen und Klassen gesetzt wurden, um die primäre und sekundäre Armut in York zu ermitteln. Als Armutsursache stellte Rowntree den Ausfall des Ernährers (Tod, Unfall, Krankheit, Alter) fest. Weitere Armutsindikatoren sieht er in Arbeitslosigkeit, unregelmäßige Beschäftigung und geringem Erwerbseinkommen. Nach Scheuerle beinhaltet das Konzept der absoluten Armut in Anlehnung an Rowntree mehrere Ansatzpunkte zur Kritik. Der Ernährungsphysiologische Mindestbedarf eines Individuums fällt unterschiedlich aus und ist abhängig von Geschlecht, Alter, körperliche Konstitution sowie Tätigkeit und klimatischen Bedingungen. Aus diesem Grunde lässt sich kein klar definierter und objektiv haltbarer Mindestbedarf ermitteln.

Relative Armut

Da es in der Sozialwissenschaft keine eindeutige Definition von Armut gibt, kristallisierte sich der Begriff der “relativen Armut” heraus. Krämer stellt fest, dass aufgrund der Multidimensionalität der Armut ein Streitpunkt darin besteht, ob Armut an absoluten Kriterien zu messen sei, was andere Menschen innerhalb einer Gesellschaft haben. Unter “relativer Armut” verstehen Hauser und Neumann den Mangel an Mitteln zur Sicherung des Lebensbedarfs in Bezug auf den sozialen und kulturell geltenden Lebensstandard einer Gesellschaft. Dabei wird der jeweilige Standard normativ bestimmt und ein Unterschreiten als Armutsgrenze definiert, welches dann als soziokulturelles Existenzminimum betrachtet wird. Durch das Ausmaß der Ungleichheit und der damit einhergehenden Deprivation lässt sich der Terminus Armut erst bestimmen. In diesem Begriff sind materielle, immaterielle, objektive und subjektive Dimensionen von Armut enthalten. Über die Vorgehensweise zur Ermittlung des gesellschaftlich bedingt bestehenden sozio-kulturellen Existenzminimums besteht allerdings bisher in der wissenschaftlichen Literatur keine Übereinstimmung.

Im Laufe der Jahre hat sich die Definition der “relativen Armut” am Einkommen der Bevölkerung in einer Gesellschaft festgemacht. Hauser schreibt dazu, dass mit dem wirtschaftlichen Wachstum auch ein Anstieg des durchschnittlichen Realeinkommen der Bürger zu verzeichnen ist. Das hat zur Folge, das die in Gütern gemessene Kaufkraft im Rahmen der monatlichen Nettoeinkommen steigt und sich somit auch die Grenze der “relativen Armut” nach oben verschiebt. Aus diesem Grunde verwenden die Sozialwissenschaften im Allgemeinen das verfügbare Nettoeinkommen einer Person bzw. eines Haushaltes als Hauptmerkmal, um die “relative Armut” festzustellen. Um den Einkommensmindestbedarf im Rahmen des Konzeptes der relativen Einkommensarmut zu bestimmen, muss an bestimmten Stellen die Einkommensverteilung festgestellt werden. Andreß konstatiert, dass die Armutsgrenze mit 40, 50 oder 60% des Durchschnittseinkommens in Deutschland festgelegt wird. Die 40% Einkommensschwelle wird als “strenge” Armut bezeichnet, diese Armutsschwelle entspricht dem Sozialhilfesatz bzw. der Grundsicherung. Die 50% Armutsgrenze wird in der Sozialwissenschaft am häufigsten verwendet, sie bezeichnet das durchschnittliche Nettohaushaltseinkommen. Die 60% Schwelle bezeichnet den Wert des Niedrigeinkommens.

Beim durchschnittlichen Nettohaushaltseinkommen muss allerdings berücksichtigt werden, dass beim gemeinsamen Wirtschaften in einem Haushalt Einsparungen vorgenommen werden können. Das bedeutet, dass ein Mehrpersonenhaushalt kostengünstiger wirtschaften kann als im Vergleich ein Einpersonenhaushalt. Außerdem wird Kindern ein geringerer Bedarf unterstellt als er Erwachsenen zugestanden wird. In der Literatur wird das Ergebnis dieser Umrechnung als äquivalenzgewichtetes Nettoeinkommen bzw. Nettoäquivalenzeinkommen bezeichnet. Zur Ermittlung der Angaben über die Einkommen in den privaten Haushalten wurde in Deutschland das sogenannte sozioökonomische Panel (SOEP) entwickelt. Das sozioökonomische Panel ist eine Längsschnittuntersuchung mit der Personen und Haushalte jährlich in Wiederholung zu demographischen, sozialen und ökonomischen Angelegenheiten befragt werden.

In der neueren Literatur wird ein erneuertes und weiterentwickeltes Modell der klassischen relativen Armutsgrenze genannt, die wohnkostenbereinigte Armutsgrenze. Mit zusätzlichen individuellen Merkmalen stellt sich die Armutspopulation umfassender dar als die bekannte 50% Grenze. Im Vergleich zur herkömmlichen relativen Armutsgrenze sind die empirischen Kenntnisse über die wohnkostenbereinigte Armutsgrenze im Zusammenhang mit der verdeckten Armut stark begrenzt. Festzuhalten ist hier, dass von relativer wohnkostenbereinigter Armut überwiegend Frauen betroffen sind.

Die relative Armutsdefinition mit dem Einkommen als Hauptmerkmal wird eventuellen Veränderungen von Lebenssituationen der Menschen nicht gerecht. Auf der einen Seite kann es Menschen, die als relativ arm gelten, wirtschaftlich trotz allem gut gehen, sofern sie ihren Lebensunterhalt befriedigend sichern können. Allerdings kann das Einkommensniveau bei völliger Gleichverteilung von Einkommen so gering sein, das nur mit größter Anstrengung ein Überleben gewährleistet wäre und somit der Bereich der “absoluten Armut” berührt werden würde.

Subjektive Armut

In der wissenschaftlichen Literatur gibt es keine eindeutige Definition zum Terminus “subjektive Armut”. Hübinger versteht unter “subjektiver Armut” ein subjektives Gefühl des Mangels und der Entbehrung, wobei er diese Definition dem Deprivationskonzept zuordnet.  Kopnarski hingegen ordnet die Definition “subjektive Armut” der relativen Armut zu und meint, dass Armut nicht nur als objektive Tatsache der äußerlich leicht erkennbaren Entbehrungen zu betrachten sei, sondern Armut auch als subjektive Erscheinung zu betrachten ist, im Sinne des Gefühls des Mangels an Mitteln der Bedürfnisbefriedigung. Dabei muss diese Empfindung der Realität allerdings nicht unbedingt entsprechen.

Hübinger gebraucht den Begriff des “subjektiven Wohlbefindens” und meint damit die Selbsteinschätzung von Befragten zu Lebensbedingungen und Lebensqualität. Dabei entsteht die Lebenszufriedenheit aus der kognitiven Bewertung der eigenen Lebensumstände. Dabei hängt das Niveau der Zufriedenheit nicht nur von den eigenen Lebensbedingungen ab, sondern entsteht auch aus sozialen Vergleichen mit wichtigen Bezugspersonen und was die jeweilige Person erhofft, erwartet und anstrebt.

Das Lebenslagenkonzept der Armut

Das Lebenslagenkonzept wurde ursprünglich von Otto Neurath (1909) entwickelt, wobei er die Lage der Bevölkerungsgruppen über ihr Einkommen hinaus zu betrachten bemüht war. Weisser entwickelte den Begriff der Lebenslage weiter und verstand darunter eine relative Wohlstandshöhe bestehend aus den zur Verfügung stehenden Mitteln, um bei vernunftgemäßer Verwendung zu einem subjektiven Wohlbefinden zu gelangen.

Ein sehr ausdifferenziertes Konzept der Lebenslage vertritt auch Ingeborg Nahnsen. Sie unterscheidet Aspekte der Lebenslage in Versorgungs- und Einkommensspielraum, Kontakt und Kooperationsspielraum, Lern- und Erfahrungsspielraum, Muße- und Regenerationsspielraum sowie der Dispositions- und Partizipationsspielraum. Nahnsen geht davon aus, dass die Handlungsspielräume der Menschen durch die angegebenen sozialen Strukturen bestimmt werden. Neumann schreibt hierzu, dass die Armutsforschung sich des Lebenslagenbegriffes bedient, um die hauptsächlich an ökonomischen Ressourcen orientierte Betrachtungsweise der Armut zu überwinden und so zu einer Sicht der Sicht der Unterversorgung und Benachteiligung zu kommen.

In diesem Sinne ist Armut auch als Komplex von multipler sozialer Deprivation anzusehen und mit dem Lebenslagenkonzept wird Armut in empirischen Untersuchungen am treffendsten beschrieben. Im unterschied zum Lebenslagenkonzept geht der Ressourcenansatz nicht von der realen Versorgungslage aus, sondern fokussiert ausschließlich monetäre Mittel, die eine mögliche Versorgungslage ausmachen.

Armut als Deprivation

In der wissenschaftlichen Literatur wird der Deprivationsansatz sehr vielschichtig benannt. So stößt man bei der Literaturrecherche auf Begriffe wie “relative Deprivation”, “subjektive Deprivation”, “objektive Deprivation”, “normative Deprivation”, “Gruppendeprivation”, “ökonomische Deprivation” und die “multiple Deprivation”. Als bekanntester Vertreter dieses Ansatzes der Armutsdefinition gilt Peter Townsend. Townsends Konzept ist aus der Sicht der “relativen Armut” zu betrachten, wobei er bemüht ist, die objektiv feststellbaren Ungleichheiten auch subjektiv wahrzunehmen. Um die Deprivation innerhalb einer Gesellschaft festzustellen, konzipiert er eine Liste von 60 Indikatoren die sich auf 12 Lebensbereiche erstrecken. Zu diesen Lebensbereichen zählt er Ernährung, Kleidung, Heizung und Beleuchtung, Komfort der Wohnung sowie Einrichtung, unmittelbare Umgebung der Wohnung, Eigentümlichkeit und die soziale Absicherung der Arbeit, Unterhalt der Familie, Erholung, Bildung, Gesundheit und soziale Beziehungen. Als Fazit stellt Townsend fest, dass eine deutliche Beziehung zwischen abnehmendem Einkommen und zunehmender Deprivation festzustellen ist.

Dietz konstatiert ergänzend, dass die Studie Townsends zu Bestimmung des Lebensstandards in Großbritannien ein Unterversorgungskonzept ist, welches die materielle Sichtweise um psychosoziale Komponenten erweitert. Im Deprivationskonzept wird der individuelle Lebenslagenkontext ermittelt und nicht wie bisher Armut als Symptom betrachtet. Somit ist das Deprivationskonzept eine multidimensionale Betrachtungsweise von Unterversorgung im Armutszusammenhang. Durch die Sichtweise der relativen Deprivation wird Rücksicht auf die Prioritäten der Betroffenen genommen und somit eventuelle Ohnmachtsgefühle, die aus der Abhängigkeitssituation als “Almosenempfänger” entstehen können, entschärft. Dieses Konzept kann dazu beitragen, dass die Armutsbetroffenen ihre Situation zu erkennen vermögen und diese aktiv gestalten. In diesem Zusammenhang betont Dietz, dass zur gesellschaftlichen Teilhabe und damit die Überwindung von Armut auch die Selbstbestimmung gehört. Zur Kritik an Townsends Konzept merkt Dietz an, dass Townsend die politische und rechtliche Partizipation im Sinne der sozialen Mitgliedschaft übersah.

Außerdem liegen die Schwächen des relativen Deprivationskonzeptes in der Verlässlichkeit der Indikatoren. Somit ist festzustellen, dass die Deprivationsindikatoren räumlich nicht übertragbar und zeitlich nicht konstant sind. In der deutschen Armutsforschung wurde der Deprivationsbegriff auf den Terminus “multiple Deprivation” erweitert. Dieses geschah unter anderem in Anlehnung an den Ansatz des schweizerischen Sozialwissenschaftlers Tschümperlin. Tschümperlin (1988) vernetzte verschiedene Aspekte von Armut in einem sogenannten pentagonalen Muster. Dieses Muster setzt fünf verschiedene Ebenen miteinander in Bezug. Zu diesen Ebenen gehören: “Biographie/Persönlichkeit, soziale Netze, gesellschaftliche Werthaltungen, Arbeit/Einkommen und Kosten/Konsum.” Ein Defizit an einer der Ecken des pentagonalen Musters führt zu deprivativen Situationen, die das Gerüst negativ beeinflussen. 

Indexe des Tschümperlinschen Models sind bei Biographie und Persönlichkeit: Alter, Krankheit, mangelnde intellektuelle Fähigkeiten, Sozialisationsdefizite, u.a.. Für soziale Netze: Bedeutungsverlust von Familie und Verwandtschaft, Krisenanfälligkeit der Kleinfamilie z.B. Scheidung, Alleinerziehung u.a.. Für gesellschaftliche Werthaltungen: Wandel von natürlicher zu künstlicher Subsidarität, auf persönliche Autonomie abzielendes Selbstverwirklichungsstreben, starke Leistungsbezogenheit u.a.. Für Arbeit und Einkommen: Mangelnde Bildung, Rationalisierung von Arbeitsprozessen, hohe Mobilitätserwartungen, Arbeitslosigkeit u.a.. Für Konsum und Kosten: Übersteigertes Konsumbedürfnis, Verschuldung, mangelndes preisbewusstes Einkaufen, hohe Kosten für die Kinderbetreuung u.a.. Dieses Modell dient im hohen Maße zur Transparenz der relevanten Lebensbereiche des menschlichen Lebens.

Die verschiedenen Deprivationskonzepte, die ich bemüht war darzustellen, wurden von Hans-Jürgen Andreß u.a. aufgegriffen und in die deutsche Armutsdiskussion eingebracht. Er ging davon aus, dass nicht Sozialwissenschaftler zur Grenzsetzung von Armut setzen, sondern er versucht auf empirischer Basis den allgemein notwendigen Lebensstandard der Bevölkerung durch Befragung zu ermitteln. Andreß nennt sein Deprivationskonzept “ökonomische Deprivation”. Die Personen, die sich eine bestimmte Anzahl als allgemein notwendig betrachtete Ausstattungsmerkmale eines Lebensstandards finanziell nicht leisten können, gelten dann als arm. Jedes fehlende Ausstattungsmerkmal was sich Personen aus finanziellen Gründen nicht leisten können, bezeichnet Andreß dann als Deprivationszustand. Allerdings weist er darauf hin, dass die Dinge, auf die bewusst verzichtet werden, nicht als Deprivationsitem gewertet werden können.

Da beim “ökonomischen Deprivationskonzept” das Einkommen als Hauptmerkmal betrachtet wird, stellt sich Armut als ein Leben unter eingeschränkten materiellen Bedingungen dar, welches einen sozial und psychisch bedeutsamen Effekt mit sich bringt. Im Lebenslagenzusammenhang erscheint mir das “multiple Deprivationsmodell” komplexer, da es materielle und immaterielle Aspekte von Lebensgrundlagen und Lebenschancen in Bezug auf die Lebensqualität des Daseins umfassender berührt.

Armut als Subkultur

Das Subkulturkonzept der Armut hat in der heutigen Armutsforschung an Bedeutung verloren, da Armut heute als gesellschaftlich begründet angesehen wird und nicht mehr als individuell verschuldet. Da das Subkulturkonzept in der Literatur noch häufig Erwähnung findet, werde ich es kurz darstellen.

Das Konzept der “Subkultur der Armut” ist ein Begriff der das Handeln von Armen als Devianz in den Fokus stellt. Der Zusammenhang von Armut und Devianz galt allerdings von Beginn an als umstritten. Oskar Lewis begründete dieses Konzept gegen Ende der 50er Jahre des 20. Jahrhundert in den USA. Lewis betrachtete insbesondere den Lebensstil einer Teilgruppe der Armen, die in den Slums lebten. Lewis stellte fest, dass dieser Lebensstil den Armen die Möglichkeit bot sich der marginalen Lebenssituation anzupassen. Zugleich verfestigten sich beiden Armen Werthaltungen und Einstellungen, die sie daran hinderte das Randdasein zu überwinden. Lewis stellte unter anderem die These auf, dass Armut in einer Subkultur als stabile und beständige Lebensform verfestige und in den Familien von Generation zu Generation vererbt wird.

Dietz fasst die Kernthesen von Lewis zusammen und stellt fest, dass die Subkultur der Armut eine Art “Teufelskreis” der Lebensverhältnisse darstellt und aufgrund von beschränkten Lebensverhältnissen die von Armut Betroffenen in ihrer Lebenssituation behält und diese sich fortsetzt. Für diesen “Teufelskreis” sind bestimmte biographische Kennzeichen einer Lebensform besonders anfällig. Aus diesen Kernthesen formuliert Dietz folgende Argumentationskette:

“Wer nur geringe Bildungschancen hat, ist für geringe Einkommen oder Arbeitslosigkeit disponiert. Wer ohne geregeltes Einkommen oder gänzlich ohne Arbeit ist, ist für schlechte Wohnorte und Lebensräume disponiert. Wer in widrigen Wohnverhältnissen lebt, ist stärker von sozialer Isolation bedroht. Und schließlich: Wer sozial isoliert lebt, internalisiert die Lebensweisen der Armut als Werte und entwickelt somit eine eigene Subkultur der Armut.”

Kritiker der Subkulturtheorie, unter ihnen Albrecht (1969), werfen den Vertretern der Subkulturtheorie vor, dass sie dazu neigen die Ursachen für die Armut bei den Betroffenen, ihren Werten und Einstellungen zu suchen, anstatt gesamtgesellschaftliche Zusammenhänge herzustellen.

Armut als Sozialhilfe- und Grundsicherungsbezug

In der Sozialpolitik sowie in der Sozialwissenschaft existiert keine einheitliche Definition der Armut und somit auch keine vom Gesetzgeber festgelegte Armutsgrenze. In der Fachdiskussion wird allerdings häufig als inoffizielle Armutsgrenze die Sozialhilfe- und Grundsicherungsschwelle genannt. In diesem Sinne gilt eine Person oder ein Haushalt als arm, wenn dieser ein geringeres Einkommen aufweist als das in der Sozialhilfe bzw. Grundsicherung festgelegte Existenzminimum. Somit wird der Regelsatz der Sozialhilfe und der Grundsicherung als soziokulturelles Existenzminimum betrachtet. In der Literatur wird die Sozialhilfe- und Grundsicherungsbedürftigkeit in zwei Komponenten unterschieden. Gemeint ist hiermit die “bekämpfte Armut” und die “verdeckte Armut”. Der Begriff der “bekämpften Armut” umschließt den Personenkreis der auch den gesetzlichen Sozialhilfe- und Grundsicherungsanspruch wahrnimmt.

Mit der Zusammenlegung von Sozialhilfe und Arbeitslosenhilfe im Zuge der Agenda 2010 und Hartz IV Gesetzgebung von 2002 bis 2004 begann eine stärkere Schuldzuschreibung und Abwertung von Transferleistungsempfängern. Mit dieser Gesetzgebung wurde der Druck auf Menschen die sich in Armutssituationen befanden zusätzlich erhöht, auch Beschäftigungsverhältnisse einzugehen, für die man nicht qualifiziert ist, und mit denen man nicht aus der Armutssituation heraus gelangen kann, da diese Stellenangebote so gut wie nur im Niedriglohnsektor angesiedelt sind.

Hartz IV ist der bisherige Höhepunkt einer Abkehr von der aktiven Arbeitsmarkt-, Beschäftigungs- und Sozialpolitik früherer Zeiten. Die Hartz IV Gesetze wiesen den Weg in eine andere Republik mit einem fatalen gesellschaftlichen Klima, was die letzten Reste der demokratischen Strukturen in Deutschland bedrohen.

Fazit  

Die Eingangs gestellte Frage , wann ein Mensch als arm zu betrachten ist, wird in den verschiedenen Armutskonzepten hinreichend beantwortet. Wobei ich hier noch einmal betonen möchte, dass Armut nicht nur am Einkommen fest zu machen ist, sondern im Sinne des Lebenslagenkonzeptes als ein Mangel an Mitteln zur Teilhabe am durchschnittlichen Lebensstandard. Dazu zählen soziale Kontakte ebenso wie die Teilhabe an Bildung und dementsprechend kulturell übliche Lern- und Erfahrungsspielräumen.

Der Umgang mit Armut und massenhaften Ausschluss aus gesellschaftlichen Strukturen der von Armut betroffenen Menschen erfordert ein Höchstmaß an politischer Verantwortungsübernahme und Phantasie, was die derzeitige Bundesregierung in ihren großen Koalitionen sträflich vermissen lässt. So wird seit Schröder überwiegend Politik für die Wohlhabenden und die Eckpfeiler der Wirtschaft gemacht, wobei mit kleinen Bonbons versucht wird das Volk zu beruhigen, siehe Grundrente, und das parteipolitische Image neu aufzupolieren damit die bisherige Wählerschaft bei der Stange gehalten werden soll.

Verschiedene ökonomische Anzeichen deuten darauf hin, dass die Armutsrisiken für unterschiedliche Bevölkerungsgruppen in nächster Zeit drastisch zunehmen. Das drängende Problem einer zunehmenden sozialen Ungleichheit, die den inneren Frieden und die Demokratie gefährdet, lässt sich kaum noch vertuschen, verharmlosen, individualisieren oder verdrängen. Unabhängig von Wahlkämpfen und parteipolitischen Winkelzügen sollte es die Öffentlichkeit über einen längeren Zeitraum hinweg begleiten, denn die gesellschaftlichen Verteilungskämpfe werden sich zuspitzen, wenn über Jahre hinweg die Frage im Raum steht, wer die Kosten der Finanzmarktkrise, Bankensanierung und jüngst die Folgen der Coronakrise tragen muss.   

Literatur:

Michael Drews: Diplomarbeit, “Dynamische Armutsforschung – Ansatz, Ergebnisse, Kritik”, Fachhochschule Braunschweig/Wolfenbüttel 2001

Christoph Butterwegge: “Hartz IV und die Folgen – Auf dem Weg in eine andere Republik”, Beltz Verlag 2015

Christoph Butterwegge: “Armut in einem reichen Land – wie das Problem verharmlost und verdrängt wird”, Campus Verlag 2009

Nadja Klinger / Jens König: “Einfach abgehängt – ein wahrer Bericht über die neue Armut in Deutschland”, Rowohlt Verlag 2006