Perspektiven der Philosophie

Perspektiven der Philosophie

In der Philosophie werden Auseinandersetzungen vom Menschen, vom Leben und dessen Sinn sowie von der Welt abgehandelt. Es werden religiöse und und ethische Vorstellungen in einen Diskurs gesetzt. Geht man von irgendeiner einheitlichen geschichtlichen Entwicklung, einem inhaltlichen Zusammenhang zwischen dem Vorangegangenen  und dem Nachfolgenden aus, dann lässt sich das nur darstellen, wenn sich die Verbindung der früheren und späteren Epochen als ganzes gesehen wird. Philosophen sind Ergebnisse  als auch Ursachen. Ergebnisse ihrer sozialen Umstände, der Politik und den Institutionen ihrer Zeit. Ursachen der Überzeugungen, die der Politik und den Institutionen späterer Zeitalter die Form geben.

Bertrand Russel versucht jeden Philosophen, soweit mit seiner Wahrheit vereinbar, als Ergebnis seines Milieus, seiner Zeit- und Lebensumstände zu sehen. Als Menschen, in denen sich Gedanken und Empfindungen kristallisierten und verdichteten, deren Gesellschaft sie angehörten. Die Philosophie ist ein Mittelding zwischen Theologie und Wissenschaft. Wie die Theologie besteht die Philosophie aus der Spekulation über Dinge, von denen sich bisher noch keine genaue Kenntnis gewinnen ließ. Aber auch wie die Wissenschaft beruft sie sich weniger auf eine Autorität, etwa die der Tradition oder die der Offenbarung, als auf die menschliche Vernunft. Jede sichere Erkenntnis gehört in das Gebiet der Wissenschaft. Jedes Dogma in Fragen, die über die sichere Erkenntnis hinaus gehen, gehören in das Gebiet der Theologie. Zwischen der Theologie und der Wissenschaft liegt jedoch ein Niemandsland, das Angriffen von beiden Seiten ausgesetzt ist, dieses Niemandsland ist die Philosophie.

Wenn es eine edle Lebensführung gibt, woraus besteht sie und wie können wir dazu kommen? Muss das Gute unvergänglich sein, um Wertschätzung zu verdienen, oder ist es erstrebenswert, selbst wenn das Universum sich unaufhaltsam seinem Untergang nähert? Die Untersuchung dieser Fragen, wenn schon nicht deren Beantwortung, ist Sache der Philosophie. Seit die Menschen fähig wurden, unabhängig zu denken, war ihr Handeln in wichtigen Punkten durch deren Welt- und Lebensanschauung hinsichtlich der Wertung über Gut und Böse geprägt. Die Lebensumstände der Menschen bestimmen weitgehend ihre Philosophie, während umgekehrt auch ihre Philosophie in hohem Maße ihre Lebensumstände bewirken.

Durch die Wissenschaft erfahren wir, was wir wissen können, doch ist das nur wenig. Wenn wir aber vergessen, wieviel wir nicht wissen können, werden wir unempfänglich für viele Dinge von sehr großer Bedeutung. Bei lebhaften Hoffnungen und Befürchtungen ist Ungewissheit qualvoll. Sie muss jedoch ertragen werden, wenn wir ohne die Unterstützung tröstlicher Märchen leben wollen. Wie man ohne Gewissheit und doch auch ohne durch Unschlüssigkeit gelähmt zu werden, leben kann, das zu lehren ist das wichtigste, was Philosophie heutzutage noch für diejenigen tun kann, die sich mit ihr beschäftigen.

Die Philosophie als eine von der Theologie unabhängige Disziplin hat ihren Ursprung im Griechenland des 6. Jahrhunderts v. Chr. Nachdem sie sich in der Antike entwickelt hatte, ging sie wieder in der Theologie auf, als das Christentum entstand  und Rom unterging. Die zweite Epoche, vom elften bis zum vierzehnten Jahrhundert, stand unter Herrschaft der katholischen Kirche. Die Wirren, die in der Reformation gipfelten, führten zum Ende dieser Periode. Die dritte Epoche, vom siebzehnten Jahrhundert bis zur Gegenwart, wird stärker als alle früheren Epochen von der Wissenschaft beherrscht. Traditionelle religiöse Überzeugungen behalten ihre Bedeutung, doch gewinnt man das Gefühl, sie bedürften der Rechtfertigung, und so werden sie umgewandelt, wann immer die Wissenschaft es zu gebieten scheint. Nur wenige Philosophen dieser Periode sind, vom katholischen Standpunkt aus gesehen, orthodox, und der weltliche Staat spielt in ihren Erwägungen eine wichtigere Rolle als die Kirche.

Bis zu Aristoteles wird das griechische Denken von religiöser und patriotischer Hingabe an die Stadt beherrscht. Die ethischen Systeme sind auf die Lebensweise von Bürgern zugeschnitten und haben einen stark politischen Einschlag. Die Stoiker sahen im tugendhaften Leben weniger eine Beziehung des Bürgers zum Staat als vielmehr eine Beziehung der Seele zu Gott. So bereiteten sie dem Christentum den Weg, das wie die Stoa ursprünglich unpolitisch war, weil seine Anhänger während der ersten drei Jahrhunderte keinen Einfluss auf die Regierung hatten. Römische Legionen, römische Straßen, römische Gesetze und römische Beamte schufen zuerst einen mächtigen, zentralisierten Staat und hielten ihn dann aufrecht. Nichts davon ließ sich der römischen Philosophie zuschreiben, weil es keine gab.

Das Christentum machte eine wichtige Anschauung populär, die zwar bereits in den Lehren der Stoiker inbegriffen war, im allgemeinen jedoch dem Geist der Antike fremd gewesen war, und zwar die Anschauung, dass der Mensch Gott gegenüber zwingendere Pflichten habe als gegen den Staat. Diese Auffassung, dass “wir Gott mehr gehorchen sollen als den Menschen”, überlebte die Bekehrung Konstantins, denn die frühen christlichen Kaiser waren Arianer oder neigten zum Arianismus. Als die Kaiser orthodox wurden, verlor sie ihre Bedeutung. 

Im Westen, wo fast unverzüglich ketzerische, barbarische Eroberer an die Stelle der katholischen Kaiser traten, behaupteten die religiösen Pflichten ihre Vorrangstellung vor den politischen, und bis zu einem gewissen Grade verhält es sich noch heute so. Der Einfall der Barbaren machte für sechs  Jahrhunderte der westeuropäischen Kultur ein Ende. Der Konflikt zwischen der Pflicht gegen Gott und der Pflicht dem Staat gegenüber, den das Christentum hervorgerufen hatte, wuchs sich zu einem Konflikt zwischen Kirche und König aus.

Seit der Zeit Gregors VII. (spätes elftes Jahrhundert) trat die kirchliche Gerichtsbarkeit fühlbar in Erscheinung. Seither bildete die Geistlichkeit in ganz Westeuropa eine einheitliche, von Rom aus geleitete Organisation, die klug und rücksichtslos nach Macht strebte und sich über das Jahr 1300 hinaus in ihren Streitigkeiten mit westlichen Herrschern gewöhnlich siegreich durchsetzte. Der Konflikt zwischen Kirche und Staat war nicht ein allein ein Kampf zwischen dem Klerus und dem Laientum, sondern in ihm lebte auch der alte Gegensatz zwischen der Mittelmeerwelt und den nordischen Barbaren wieder auf. Die Einheit der Kirche war der Einheit des römischen Reiches nachgebildet. Die Kirche besaß eine lateinische Liturgie, und ihre führenden Männer waren meist Italiener, Spanier oder Südfranzosen.

Friedrich II., der eine neue Religion schaffen wollte, repräsentiert die extrem antipäpstliche Kultur, Thomas von Aquino, der im Kaiserreich Neapel geboren wurde, wo Friedrich II. herrschte, ist hingegen bis heute der Klassische Vertreter der päpstlichen Philosophie geblieben. Die große Kirchenspaltung, die Konzil-Bewegung und das Papsttum der Renaissance leiteten zur Reformation über. Sie zerstörte die Einheit des Christentums und die scholastische Herrschaftstheorie, in deren Mittelpunkt der Papst stand. Vom sechszehnten Jahrhundert an steht die Geschichte des europäischen Denkens im Zeichen der Reformation. Die Reformation war eine mannigfache zusammengesetzte Bewegung und verdankte ihren Erfolg einer ganzen Reihe von verschieden Ursachen. In erster Linie war sie eine Revolte der nordischen Völker gegen eine erneute Herrschaft Roms.

Die katholische Kirche wurde aus drei verschiedenen Quellen gespeist. Ihre heilige Geschichte war jüdisch, ihre Theologie griechisch, ihre Verfassung und ihr kanonisches Recht waren zumindest mittelbar römisch. Die Reformation verwarf die römischen Elemente, milderte die griechischen ab und betonte stark die jüdischen. Nach der katholischen Lehre endete die göttliche Offenbarung nicht mit der Heiligen Schrift, sie wird vielmehr weiterhin von Epoche zu Epoche durch die Kirche vermittelt, so dass es Pflicht des einzelnen Menschen war, ihr seine Privatansichten unterzuordnen. Die Protestanten hingegen lehnten es ab, in der Kirche das Medium von Offenbarungen zu sehen. Für die Protestanten galt es die Wahrheit allein in der Bibel zu suchen, die sich jeder selbst auslegen konnte.

So kam es, dass es schließlich nicht einen Protestantismus, sondern eine Vielzahl von Sekten gab. Daraus ergab sich im Denken wie in der Literatur ein sich vertiefender Subjektivismus. Er wurde Anfangs als heilsame Befreiung von geistiger Sklaverei empfunden, entwickelte sich aber immer mehr zu einer Isolierung des einzelnen, die jede geistig gesunde Gemeinschaft schädigt. Mit dem philosophischen Subjektivismus geht der politische Anarchismus Hand in Hand. Schon zu Luthers Lebzeiten hatten unerwünschte und von ihm aus nicht anerkannte Anhänger die Lehre der Wiedertaufe entwickelt, die eine Zeitlang die Stadt Münster beherrschte. Die Wiedertäufer lehnten jedes Gesetz ab in der Überzeugung, der gute Mensch werde allezeit vom Heiligen Geist geleitet, der sich nicht in Formeln zwängen lässt. Ihre Lehre breitete sich in gemilderter Form in Holland, England und Amerika aus, historisch gesehen ist sie die Quelle des Quäkertums.

Die schon eher als Irrsinn zu bezeichnenden Formen des Subjektivismus riefen in modernen Zeiten verschiedene Gegenströmungen hervor. Zunächst suchte eine Philosophie auf dem Mittelweg, durch die Doktrin des Liberalismus, eine Kompromisslösung, indem sie den Bereich der Regierung und die Sphäre des Einzelmenschen gegeneinander abgrenzte. Man kann das in einer neuzeitlichen Form zuerst bei John Locke sehen, der ein scharfer Gegner des Individualismus der Wiedertäufer, sowie der absoluten Autorität und der damit verbundenen blinden Unterwürfigkeit gegenüber der Tradition ist. Aus tiefergehender Auflehnung entstand die Lehre von der Verherrlichung des Staates. Sie billigte dem Staat die Stellung zu, die der Katholizismus der Kirche oder zuweilen sogar Gott einräumte. Hobbes, Rousseau und Hegel vertreten verschiedene Phasen dieser Theorie, ihre Doktrinen finden in Cromwell, Napoleon und im modernen Deutschland praktische Verkörperung.  

Theoretisch ist der Kommunismus weit entfernt von solchen Anschauungen. In der Praxis ist er jedoch in eine Gesellschaftsform hineingetrieben worden, die denen stark ähnelt, welche sich aus der Verherrlichung des Staates ergeben. Während dieser ganzen, langen Entwicklung, von 600 v. Chr. bis zum heutigen Tage, unterschied man bei den Philosophen zwei Richtungen, die einen erstrebten festere soziale Bande, und die anderen wünschten sie zu lockern. Die Verfechter der Willensfreiheit neigten mit Ausnahme der extremen ‘Anarchisten zu einer wissenschaftlichen, nützlichkeitsbetonten, rationalistischen, leidenschaftlichen und allen ernsteren Religionsformen abgekehrten Einstellung. Jeder Staat ist zwei gegensätzlichen Gefahren ausgesetzt. Der Verknöcherung durch zuviel Disziplin und der Ehrfurcht vor der Tradition einerseits und anderseits der Auflösung oder Niederlage durch Eroberung von außen, weil zunehmender Individualismus und wachsende persönliche Unabhängigkeit jede Zusammenarbeit unmöglich machen. Der Liberalismus bemüht sich im wesentlichen, eine soziale Ordnung zu sichern, die nicht auf einem irrationalen Dogma aufbaut, und seine Stabilität mit dem Minimum an Zwang zu gewährleisten, der zur Erhaltung des Staates erforderlich ist. Ob dieser Versuch heute im 21. Jahrhundert, mit der derzeitigen Wirtschafts- und Sozialordnung überhaupt noch praktikabel ist, mag ich arg bezweifeln.

Mal abgesehen von den alten griechischen Philosophen, sind mir durch meine drei pädagogischen Ausbildungen nebst Studium, vier Philosophen besonders ans Herz gewachsen, deren Denken mich immer noch sehr fasziniert. Diese sind Jean-Jacques Rousseau, Ludwig Feuerbach, Sören Kierkegaard und Karl Marx .  

Literatur:

Bertrand Russell: “Philosophie des Abendlandes”, Europa Verlag 2007

Anton Grabner-Haider: “Die wichtigsten Philosophen”, Marix Verlag 2006

Dietmar Mieth: “Kleine Ethikschule”, Herder Verlag 2004