Das Temperamentemodell

Das Temperamentemodell

Mit dem Begriff das “Temperament” ist in der wissenschaftlichen Literatur die Neigung zu bestimmten charakteristischen Reaktionsweisen gemeint, die durch neuronale Synapsenbildung und Netzwerke vorprogrammiert, also in gewisser Weise festgelegt sind. Das Temperament sucht man sich also nicht aus, man bekommt es also vererbt. Seit der Antike sind die Gelehrten von dem Temperamten und deren Erklärung fasziniert. Im Laufe der Zeit wurden die abenteuerlichsten Typologien entwickelt. Der griechische Naturphilosoph Empedokles etwa ordnete im 5 Jahrhundert v. Chr. das Wesen der Menschen den Naturelementen Erde, Wasser, Luft und Feuer zu. Je nach Element waren für ihn auch die Reaktionsweisen typisch: Dem Feuer ordnete er Zielstrebigkeit, Ehrgeiz und Engagement zu. Wasser sei das sanfte Element, nachgiebig und weich. Das Luftelement sah er als quirlig, flexibel und veränderungsorientiert. Die Erde steht schließlich für das Festgefügte, Starre und Beständige. Schon die erste Typologie hat durchaus etwas lebendiges, reales. Das mit den Elementen ist natürlich heute nicht mehr so brauchbar, aber erstmals wurde hier anhand von geduldiger Beobachtung festgestellt, dass Verhaltensmuster etwas mit der biologischen Konstitution zu tun haben.

Einige Jahre später veröffentlichte Hippokrates seine berühmten vier Körpersäftetheorie: Blut (Sanguis), gelbe Galle (Chole), schwarze Galle (Melanos) und Schleim (Phlegma). Diese vier Säfte seien bei jedem Menschen anders verteilt, weswegen sich die Menschen unterschiedlich verhalten würden. Aristoteles erklärte drei Generationen danach die Unterschiede in den Reaktionsmustern mit Bluttypen: Es gebe leichtes, kaltes, heißes und schweres Blut. Dieses Bild hat sich in der Umgangssprache als “heißblütig” bis heute erhalten. Der griechische Arzt und Naturforscher Galen leitete schließlich im 2. Jahrhundert n. Chr. aus den vier Körpersäften des Hippokrates die klassischen vier Temperamente ab: Sanguiniker, Choleriker, Melancholiker und Phlegmatiker.

Im Mittelalter war diese Lehre bestimmend, bis Paracelsus im 16. Jahrhundert die Viersäftelehre heftig kritisierte und sie durch die drei Grundsubstanzen Schwefel, Quecksilber und Salz ersetzte, welche sich allerdings im Laufe der Zeit als recht unbrauchbar erwies. Seitdem verlor die Lehre von den Temperamenten an Bedeutung, bis sie Immanuel Kant im 18. Jahundert wieder entdeckte. Er fasste zwei Gruppen zusammen: Temperamente des Gefühls sind Singuiniker und Melancholiker, Temperamente der Tätigkeit sind Choleriker und Phlegmatiker. Der deutsch-britische Psychologe Hans Jürgen Eysenck, einer der Begründer der Verhaltenstherapie und starker Kritiker Freuds, verfeinerte im 20. Jahrhundert Galens Archtypen mit einem zweiachsigen Kordinatensystem, das mit einem Fragebogen erfasst wurde. Sein System fand auch den Weg in die Alltagssprache. Durch “extravertiert – introvertiert” auf der einen Achse und “satabil” – “instabil” auf der anderen Achse ließen sich die Persönlichkeitsmerkmale geometrisch darstellen. Der klassische Choleriker zeigt Instabilität und Extraversion, der Melancholiker ist introvertiert und stabil, der Phlegmatiker introvertiert und stabil, der Sanguiniker extravertiert und stabil.

Danach kam noch eine Weiterentwicklung dieses Schemas in fünf Faktoren, die “Big Five” genannt werden:  Neben Extraversion werden hier noch Neurotizismus (ängstlich, reizbar, impulsiv), Offenheit für Erfahrungen (wissbegierig, intellektuell, phantasievoll, experimentierfreudig), Verträglichkeit ( gutherzig, bescheiden, vertrauensvoll), und Gewissenhaftigkeit (organisiert, sorgfältig, planend, effektiv, verantwortungsvoll, zuverlässig) abgefragt und abgebildet. Im Jahre 2003 konnte eine Forschergruppe um Thomas Bouchard und Matt McGue Anzeichen für eine 42- bis 57-prozentige Erblichkeit dieser fünf Faktoren feststellen. Das bedeutet, dass die Kinder etwa zur Hälfte die gleichen Persönlichkeitseigenschaften aufwiesen wie ihre biologischen Eltern. Diese 20-jährige Forschung gehört zu den meistzitierten Publikationen des letzten Jahrzehnts und wurde deswegen so bekannt, weil sie die Theorie von der ausschließlichen Prägung in der Kindheit widerlegt.

In der Wissenschaft gilt das klassische Temperamentemodell zwar als überholt, weilt es recht oberflächlich die Persönlichkeit eines Menschen betrachtet, aber als grobe sichtweise kann es manchmal interessant und hilfreich sein. So gilt der Singuiniker als heiter, lebhaft, kraftvoll, energiereich, schwungvoll und aktiv, nicht besonders nachtragend und recht optimistisch. Weiter kann man ihn als phantasievoll, kreativ, gesprächig und optimistisch beschreiben. Verbesserungswürdig sind hingegen seine Neigungen zu Oberflächlichkeit, Unstetigkeit, Unverlässlichkeit, Leichtfertigkeit, Falschheit, Skrupellosigkeit und mitunter zu Exzessen. Wissenschaft und Bildung sind ihm ihm weniger wichtig als der Spaßfaktor. Der Singuiniker ist der echte Partytiger, der jeden Smalltalk dominiert.

Der Phlegmatiker ist tendenziell unbestechlich, gleichgültig, ruhig und manchmal sogar schwerfällig. Er ist von Natur aus friedliebend, zuverlässig und diplomatisch, wenig streitsüchtig, ausgleichend, treu und unparteiisch.