Die Geschichte der Stadt Wilhelmshaven

Die Geschichte der Stadt Wilhelmshaven

Erst mit den Preußen sollte das Gebiet um Heppens wieder als Flottenstützpunkt interessant werden. Am 05.09.1848 sollte aus der kleinen Küstenflotte, die an der Ostsee stationiert war, die preußische Kriegsmarine werden. Die Preußen suchten nach einem geeigneten Flottenstützpunkt an der Nordsee, und bekamen vom Großherzogtum Oldenburg das Jadegebiet um Heppens herum angeboten. Dieser Vorschlag von Seiten der Oldenburger kam nicht uneigennützig, denn das Herzogtum Oldenburg sah ihre Handelsflotte an der Nordsee immer wieder bedroht, und sah im Ansinnen der Preußen einen geeigneten Schutz der eigenen Handelsflotte.

Am 20.07.1853 kam es nach langen Verhandlungen zum Abschluß eines Vertrages, in dem die Oldenburger den Preußen ein Gebiet von 302,75 Hekta, damals 1211 Morgen, um den Westlichen Jadebusen und auf dem östlichen Jadeufer bei Eckwarden an die Preußen zu einem Preis von 500.000 Thaler ab, wofür Preußen unter anderem den Schutz des oldenburgischen Seehandels und die Verteidigung der Oldenburgischen Küsten übernahm. Zwischen den Oldenburgischen und Preussischen Plänen lag das Interesse der Hannoveraner, die ihre Machtbestrebungen durchkreuzt sahen, da diese mit dem englischen Adelshaus verbunden waren.

Nach 16 Jahren Vorbereitungen und Bauzeit wurde am 17. Juni 1869 durch König Wilhelm I. von Preußen der Hafen in einer großen Feierlichkeit mit Gästen eingeweiht. Ein großer Teil der Menschen, die auf der Werft und in den Marineanlagen und Büros im Stadtgebiet Wilhelmshaven arbeiteten, wohnte in einer der oldenburgischen Gemeinden Heppens, Neuende oder Bant. Die Zweistaatlichkeit der Stadt wurde erst im Jahre 1937 beseitigt und hat zu allen Zeiten die Entwicklung gestört und die Verwaltungskosten erhöht. Als nach der Reichsgründung eine “Kaiserliche Marine” geschaffen wurde, lag kein Grund mehr vor, dass Marineanlagen nur auf preußischem Staatsgebiet liegen mussten.

Erst am 04. August 1873 bekommt die Stadt Wilhelmshaven endgültig ihre Stadtrechte. Im Jahre 1886 wird mit dem Bau der heutigen sogenannten Seeschleuse eine zweite Hafeneinfahrt geschaffen, dazu ein Hafenteil und der Anschluss an den Ems-Jade-Kanal von Emden  nach Wilhelmshaven hergestellt. Das erste große auf der Werft erbaute Schiff war die Panzerfregatte “Großer Kurfürst”, welche auf der ersten Reise drei Tage nach dem Auslaufen im Englischen Kanal von dem Panzerschiff “König Wilhelm” gerammt wurde und am 31. März 1878 sank, wobei 200 Mann der Besatzung ihr Leben verloren. Mit allen Ereignissen, die mit den maritimen und kolonialen Interessen Deutschlands in Verbindung standen, waren die Bewohner der Stadt besonders eng verbunden, während die Stadt infolge ihrer Lage weitgehend im restlichen Deutschen Reich  unbekannt war.

Das aufblühen der Stadt forcierte sich mit dem Flottengesetz von 1898, womit die “Ära Tirpitz” begann. Dieses Aufblühen erstreckte sich über die Zeit bis zum Ausbruch des ersten Weltkrieges am 28. Juli 1914. Alle Unternehmungen des Deutschen Reichs in Übersee machten sich in Wilhelmshaven besonders bemerkbar. Am Kai vor dem Verpflegungsamt auf der Schleuseninsel  wurden Truppen 1901 nach Ostasien und 1904 nach Südwestafrika eingeschifft. Hier vollzog sich auch die Ablösung der Besatzungen der auf Auslandsstationen befindlichen Schiffe und Befrachtung der Versorgungsschiffe. Bei Ausreise der Kriegsschiffe und Rückkehr war die Bevölkerung der Stadt Wilhelmshaven zur Stelle, und die Angehörigen der Besatzungen kamen aus allen Teilen Deutschlands angereist um die Besatzung zu verabschieden oder zu Begrüßen. Der Ausbruch des des 1. Weltkrieges brachte diese Periode steigender Entwicklung zum Erliegen. 

Die Mobilmachung führte erhebliche Menschenmengen in die Stadt, für deren Unterkunft und Verpflegung nur provisorisch gesorgt werden konnte. Die planmäßige Indienststellung der in Bereitschaft liegenden Schiffe und sonstige Mobilmachungsmassnahmen  forderten pausenloses Arbeiten auf der Werft und in allen Marinedienststellen. Schon die ersten Seegefechte im August 1914 brachten Verluste von Schiffen, die gerade in Wilhelmshaven ausgerüstet und bemannt worden waren. Das Seebataillon und die Marineinfanterie rekrutierten sich zu einem großen Teil aus Söhnen der Stadt, und ihre starken Verluste in Flandern brachten viel Leid über viele Familien. Die große Seeschlacht am Skagerrak war zugleich eine  Materialerprobung und Bewährungsprobe der ganzen Werft und deren Arbeit.

Das Ende des Krieges und die Bedingungen des Friedensvertrages bedeuteten für die Stadt praktisch die Vernichtung ihrer ganzen  wirtschaftlichen Grundlage. Wer irgendwie konnte, der verließ die Stadt wodurch alles wirtschaftliche  Leben stagnierte. Aber die Gebäude und Wohnungen der Bevölkerung waren unbeschädigt, ebenso waren alle technischen Einrichtungen der Marine- und Versorgungsanlagen betriebsfähig erhalten geblieben. Ingenieure, Meister und Arbeiter waren vorhanden, so dass es möglich war, mit den verbliebenen Mitteln sich andersartigen Arbeiten zuzuwenden., um die zurückgebliebenen etwa 7000 Werftangehörigen wieder in Arbeit zu bringen. 

Im Jahre 1925 wurde der erste Nachkriegsneubau vom Stapel gelassen, der Kreuzer, der den Namen “Emden” trug. Torpedoboote der Raubvogel- und Raubtierklasse folgten. Einschneidende Bestimmungen des Friedensvertrages über die Bewaffnung der noch erlaubten Schiffe führten zur Neukonstruktion von Panzerschiffen, die trotz der Beschränkungen von überraschender Leistungsfähigkeit waren. Diese “pocket battleships” trugen im Jahre 1939 den Kampf bis an die Südostküste von Südamerika. In Zusammenarbeit mit der Hüttenindustrie wurde von der Marine ein für die Anwendung des elektrischen Schweißens besonders geeigneter Schiffsbaustahl entwickelt.  Diese Arbeiten waren von nachhaltiger Wirkung auf den Handelsschiffbau, der seine Bauvorschriften den Erfahrungen, die bei der Marine gewonnen worden waren, anpasste. 

Mit der allgemeinen Aufrüstung nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933, traten an alle Dienststellen der Marine erhöhte Anforderungen heran. Mit dem Plan der Nationalsozialisten aus Wilhelmshaven eine 400.000 Einwohner Stadt zu machen, erforderte von der Bevölkerung viel Arbeit an allen Stellen. Historische Augenblicke erlebte die Stadt auch wieder auf Grund ihrer Eigenschaft als Werftstadt, als am 01. April 1939 Adolf Hitler nach dem Stapellauf des Schlachtschiffes “Tirpitz” auf dem umgestalteten Rathausplatz, von großen Tribünen aus den Flottenvertrag mit England aufkündigte. Die Küstenstadt und Festung Wilhelmshaven war auch vom ersten Tag an Ziel englischer Luftangriffe. Rund 100 Großangriffe bei etwa 1800 Alarmen folgten in den 6 Kriegsjahren des 2. Weltkrieges. Am Ende des Krieges war über die Hälfte aller Wohngebäude der Stadt zerstört. Auf der Werft waren wesentliche Zerstörungen an zahlreichen Stellen zu verzeichnen, allerdings war die Gesamtfunktion erhalten geblieben. Insbesondere war keine der vier Seeschleusen beschädigt, außerdem waren das Wasserwerk, die Elektrizitätswerke und das Gaswerk funktionsfähig geblieben.

Die Besatzungsmächte ließen zunächst die beschädigten Anlagen  auf der Werft wiederherstellen, da sie die Anlagen für ihre eigenen Zwecke benötigten. Gleichzeitig wurden von allen Seiten Pläne geprüft für die nutzbringende Verwendung von Bauten und Anlagen, die nicht mehr für militärische Zwecke in Frage kamen. Welche Möglichkeiten die Besatzungsmacht der Stadt für eine weitere Tätigkeit lassen würde, war unbekannt. Im Jahre 1947 fiel dann die Entscheidung, und somit war die endgültige Schließung der Kriegsmarinewerft das Resultat langer Verhandlungen der Siegermächte. Die Einrichtungen der Werft wurden der UdSSR ausgeliefert und die Gebäude zerstört. Es sollte jedem Interessierten an der Stadt Wilhelmshaven klar werden, dass die Werftanlagen nicht durch unmittelbare Kriegseinwirkung zerstört wurden, sondern systematisch in einem Zeitraum von 1947 bis 1950 durch Abtransport und Sprengung vernichtet wurden.

Auch wenn bei der Aufnahme von Flüchtlingen auf die große Zahl der Zerstörten Wohnungen in Wilhelmshaven Rücksicht genommen wurde, so wuchs doch die Bevölkerungszahl der Stadt schnell wieder an, und Jeder musste versuchen sich wieder eine Zukunft aufzubauen. Nach dem Ende des 2. Weltkrieges suchten die Verantwortlichen für Wilhelmshaven eine neue Leitfunktion, damit sich die Stadt künftig eigenständig und losgelöst von einseitigen, militärischen Bestrebungen entwickeln konnte. In den 70er Jahre hatte Wilhelmshaven eine Einwohnerzahl von ca. 107.000 Menschen, die allerdings wieder im Laufe der Jahre sinken sollte, da die Verantwortlichen der Stadt durch Fehlentscheidungen, Vetternwirtschaft und Unfähigkeit die wirtschaftliche Entwicklung der Stadt stark blockierten. In den 90 Jahren sank die Einwohnerzahl auf ca. 95.000 Menschen, die stetig bis heute auf ca. 75.000 Einwohnern schrumpfen sollte. Obwohl Wilhelmshaven heute als der größte Marinestützpunkt Deutschland und der einzige deutsche Tiefseewasserhafen ist, fristet diese Stadt leider eher ein Schattendasein.

Literatur:

Karl Welge: “Dokument Wilhelmshaven, Frieden Zerstörung und Aufbau”, Wilhelmshaven 1951

Ludwig Has u. August-Ludwig Evers: “Wilhelmshaven 1853 – 1945 Erinnerungen”, Lohse Eissing Verlag 1990

Michael Konken: “Wilhelmshaven”, Sachbuchverlag Karin Mader, Grasberg 1992