Die Massenseele

Die Massenseele

Schon immer hat mich das Phänomen der Massen interessiert, aber auch geängstigt. Dabei denke ich an Phänomene wie Mobbing, oder wenn sich Einzelpersonen innerhalb von Gruppendarstellungen auf einmal in Haltung, Einstellung und Handlung verändern. So habe ich erlebt, dass ich mich mit einzelnen Menschen sehr gut verstanden habe, sobald diese mir aber in einer Gruppe begegnet sind, hat sich ihr Verhalten und ihre Einstellung mir gegenüber völlig verändert. Nach solchen Erlebnissen habe ich mich oft gefragt, wie kommt es zu einer solchen offensichtlichen Verhaltens- und Wesensveränderung dieser Menschen. Ende der 90er Jahre las ich die gesammelten Werke in 12 Bänden von Sigmund Freud, in denen ich unter anderem auf eine kurze Abhandlung der Massenseele von Le Bon stieß. Diese kurze Abhandlung motivierte mich, das Buch von Le Bon, „Die Massenseele“ selbst noch einmal zu lesen, um vertiefter in diese Materie einzusehen.

Dadurch haben sich viele Fragen, die sich mir bezüglich von Einzelpersonen in Erscheinung von Gruppen und deren Wesensveränderung gestellt haben, erklärt. Sigmund Freud meint dazu, dass Menschen, egal ob diese sich ähnlich oder verschieden in ihrer Lebensweise, Beschäftigung, Charakter und Intelligenz sind, durch den Umstand der Zusammenfügung zu einer Gruppe, zu einer sogenannten Kollektivseele verändern und im Denken und Handeln ihre einzelnen Interessen aufgeben. Le Bon schreibt, dass die einzelne Persönlichkeit schwindet, und die Gefühle und Gedanken der Einzelpersonen sind nun im Sinne der Gruppe ausgerichtet, was er die psychologische Masse nennt. So sei die Massenseele emotional aufgeladen und handle aus dem Unbewussten heraus. Die Tendenz alles auszuführen welches die Absicht der Massenseele entspricht, gleicht bei Le Bon der kindlichen Regression des Einzelnen hin zur primitiven Massenseelentätigkeit.

Le Bon betont, dass die individuell erworbenen Eigenschaften des Menschen in der Gruppenansammlung verschwinden. Dieser Vorgang geschieht in der Regel aus dem Unbewussten und ist keine bewusste Willenstätigkeit, was natürlich nicht heißt, dass der Mensch sich diesen Vorgang nicht bewusst machen kann. Auf diese Weise komme ein durchschnittlicher Massencharakter zustande. Dieser Gruppencharakter zeigt auch Eigenschaften, die der Einzelne vorher nicht besessen habe. Le Bon sucht den Grund für dieses Phänomen auf drei verschiedenen Ebenen. Die erste Ursache sieht Le Bon darin, dass der Mensch in der Gruppe ein Gefühl der unüberwindlichen Macht erlangt, was ihm gestattet seinen Trieben freien Lauf zu lassen, welche der einzelne Mensch als Individuum bemüht war im Zaum zu halten. Durch die Anonymität in der Masse hat das Individuum keinen Anlass mehr die Triebe zu kontrollieren und sieht keinen Anlass für seine Triebe die Verantwortung zu übernehmen, denn die Verantwortlichkeit wird der Massenseele übergeben. Durch die Gruppe kommt das Individuum in Bedingungen, die ihm gestatten, die bisher verdrängten unbewussten Triebregungen auszuleben.

Die Übertragung des Verantwortungsgefühls vom Einzelnen auf die Gruppe, macht dem Individuum unter diesen Umständen keine Schwierigkeiten, denn das so genannte Gewissen sei lediglich eine „soziale Angst“, die in der Gruppe aufgehoben ist. Als zweite Ursache für das Phänomen der Massenseele benennt Le Bon die Ansteckung. Die Ansteckung ist ein unerklärliches Merkmal, was Le Bon aber auch Freud aus dem Unbewussten heraus kommend und der Hypnose ähnlich sehen. In der Masse ist jedes Gefühl, jede Handlung ansteckend, und zwar in so hohem Maße, dass das Individuum sehr leicht sein persönliches Interesse dem Gesamtinteresse der Gruppe opfert. Die dritte Ursache sieht Le Bon als die wichtigste an. Das Individuum wird durch die Gruppe und deren immer wiederkehrenden zusammenhaltenden Mechanismen und Ritualen in einen Zustand der Suggestion versetzt, welcher der Hypnose gleicht kommt. Die bewusste Persönlichkeit ist völlig verschwunden, Wille und Unterscheidungsvermögen fehlen, und alle Gefühle und Gedanken sind dem Gruppengeist untergeordnet.

Dadurch entsteht der Rückgang der individuell bewussten Persönlichkeit und die unbewussten Triebe der Persönlichkeit kommen zum Vorschein. Die Orientierung der Gedanken und Gefühle gehen nur in die Richtung welche die Gruppe durch Suggestion und Ansteckung vorgibt. Es besteht in der Gruppe der Drang zur unverzüglichen Umsetzung der suggerierten Ideen. Der einzelne Mensch als Individuum ist nicht mehr er selbst, sondern ist zum willenlosen Vehikel mutiert. Durch die bloße Zugehörigkeit des Individuums zu einer organisierten Gruppe steigt der Mensch mehrere Stufen auf der Leiter der Zivilisation herab. Als Einzelperson war der Mensch möglicherweise gebildet, aber in der Gruppe verändert dieser sich zu einem Barbaren. Das heißt, der Mensch lässt seinen Trieben völlig freien Lauf. Der Mensch besitzt in der Gruppe die Spontaneität, die Heftigkeit aber auch die Begeisterung und Risikobereitschaft primitiver Wesen.

Die Massenseele ist impulsiv, wandelbar und reizbar. Sie wird fast ausschließlich vom Unbewussten geleitet. Die Impulse, denen die Masse folgt, können je nach Umständen edel, aber auch grausam und feige sein. Keine Handlungen der Masse sind vorüberlegt, und Absichten der Gruppe haben keinen andauernden Bestand. Auch das Interesse der Selbsterhaltung der Gruppe ist nicht von langem Bestand. Die Absichten der Masse vertragen keinen Aufschub in ihrer Verwirklichung. Die Massenseele hat das Gefühl der Allmacht und für das Individuum in der Masse verschwindet der Begriff der Unmöglichkeit. Wie in der psychologischen Gruppendynamik, gibt es in der Masse auch Gruppenrollen der einzelnen Individuen, hier nenne ich den Mitläufer und den Führer. Kommt das Bedürfnis der Masse dem Führer entgegen, so muss das Bedürfnis der Gruppe dem Führer mit seinen Eigenschaften entsprechen. Der Gruppenführer muss selbst an die gemeinsamen Ideen der Gruppe glauben, um den Glauben der Individuen in der Gruppe für diese Idee zu wecken. Der Gruppenführer muss einen starken und imponierenden Willen besitzen, den die willenlose Masse von ihm annimmt.

Angesichts dieser Darstellung lässt sich erklären, wie es zu Phänomenen der deutschen Hörigkeit im zweiten Weltkrieg kam, was den Einzelnen allerdings nicht von seiner Verantwortung als selbst denkender Mensch freispricht. Im Ansatz wollte ich hier die zu Beginn erwähnten Szenen erklären, wie es zu Mobbing oder ähnlichen Erscheinungen kommen kann. Hierbei fallen mir auch Szenen ein, die man häufig bei Demonstrationen sehen kann.

Literatur:

Sigmund Freud: „Studienausgabe – Fragen der Gesellschaft, Ursprünge der Religion“, Fischer Verlag 1974

Gustave Le Bon: „Psychologie der Massen“, Nikol Verlag 2009