Die Seele

Die Seele

In den achtziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts wurde seitens der Psychologie der Ort der Seele im menschlichen Körper in der Gegend des Sonnengeflechts geortet, also hinter dem Schwertvorsatz in Mitten der beiden Rippenbögen. In pädagogischen- und therapeutischen- Ausbildungen wurde zu der Zeit aus Sicht der geiteswissenschaftlichen Disziplinen gerne behauptet, dass das Zentrum des Gefühls im Bauch sei. Daher mag wohl auch landläufig die Rede von dem sogenannten “Bauchgefühl” herrühren, wobei sich in diesem Zusammenhang dann an den Bauch gefasst und behauptet wird, dort sitzt das Gefühl. Häufig wird auch die Seele mit dem Bauchgefühl gleichgesetzt.

In der Medizin wird das Zentrum des Gefühls im Gehirn verortet, genauer gesagt im Lymbischen System. In der Philosophie wiederum wird die Seele mit dem Gefühl gleichgesetzt und gemeint ist etwas, was jeder Mensch in sich hat. Damit ist aber nichts organisches gemeint oder etwas den Innereien ähnliches. Unter Seele wird weitgehend nichts körperliches oder jedenfalls etwas vom Körper verschiedenes, wenn auch eng mit ihm Zusammenhängendes, verstanden. Im Allgemeinen wird die Seele im Körper, in der Gegend des Herzens oder zwischen Herz und Bauch ansässig gesehen. Einem Satz wie “Die Seele befindet sich zwischen der 3. und 4. Rippe von oben” kann die Philosophie nicht zustimmen, denn derartige Ortsangaben sind zu präzise für unsere diesbezügliche Vorstellung eher zu konkret.

Jedoch verwendet der Mensch manchmal den Ausdruck “Herz” anstelle von “Seele”. So wird oft vom “Herzschmerz” geredet, gemeint ist damit aber nicht, dass unser Blut pumpendes Organ verletzt ist. Ebensowenig ist es ein medizinischer Befund, von jemandem zu sagen, er habe “das Herz am rechten Fleck”. Auch wenn sich der Mensch etwas “zu Herzen nimmt”, “herzhaft” lacht oder jemanden “herzlich” grüßen lässt, reden die meisten Menschen dann von seelischen Belangen und machen keine Feststellungen über körperliche Aktivitäten.

Neben den Aspekten der Innerlichkeit und Unkörperlichkeit wird der Begriff der Seele grundlegend geprägt von der Auffassung, dass dieses seelische Etwas nichts ist, was man verlieren, vergessen oder vorübergehend ignorieren könnte. In der Philosophie meint man mit Seele etwas unabtrennbares zu jedem Menschen gehörendes. Mehr noch gehört es wesentlich zu jedem Menschen. Das die Seele unabtrennbar zu jedem Menschen gehöre, bedarf allerdings noch einer genaueren Bestimmung. Nach dem Verständnis der Philosophie verlässt die Seele, im Moment des Todes, den Menschen. Dieser ist dann lediglich eine menschliche Leiche, ein “entseelter” menschlicher Körper.

Die meisten Menschen schreiben nur lebendigen Menschen eine Seele zu. Außerdem wird nicht jedes beseelte Wesen zwingend für einen “lebendigen” Menschen. Manche Menschen sind jedenfalls zumindest unschlüssig darüber, ob nicht auch andere, nicht-menschliche Lebewesen beseelt sind. Dieses gilt vor allem für Tiere, umso mehr, je menschenähnlicher diese uns erscheinen. Pflanzen, Steinen und Gewässern dagegen sprechen wir ein seelisches Innenleben eher ab. Was mit der entleibten menschlichen Seele nach ihrer Trennung vom Körper geschieht, stellt ein weites Feld voller Vermutungen dar, da natürlich niemand je erlebt hat, was nach dem Tod folgt.

Umso verwunderlicher ist der Umstand, dass so viele Menschen nicht an ein Jenseits glauben, in einem Trauerfall aber dem Verblichenen einen guten Übergang in eine andere Welt wünschen und diesen in einer angenehmeren Welt wähnen. Allerdings stelle ich mir dann die Frage, wie sich so mancher Mensch nach dem Tode in einer besseren Welt sieht, wo dieser doch zu Lebzeiten sich übervorteilt und dem Nächsten nicht das Gleiche gegönnt hat wie sich selbst. Im Gegenteil, er hat auf Erden gelebt, als gäbe es kein Morgen, hat seine Mitmenschen betrogen und belogen, und sieht sich dann mit diesem Bewusstsein in einer “besseren” Welt. Aus meiner Sicht ein völliger Trugschluss, da die meisten Menschen den reinen Geist des Jenseits mit dem hiesigen Bewusstsein doch gar nicht ertragen könnten.

Literatur:

Manuela Di Franco: “Die Seele – Begriffe, Bilder und Mythen”, Philipp Reclam Verlag 2009