Liberale Theorie zur Langzeitarbeitslosigkeit

Liberale Theorie zur Langzeitarbeitslosigkeit

Die ersten Denker des Liberalismus waren unter anderen Thomas Hobbes, John Locke, Montesquieu, Jean-Jacques Rousseau, Adam Smith, Hegel und Immanuel Kant. Als Grundgedanken fordert der Liberalismus die Befreiung von staatlicher Reglementierung. Der einzelne Bürger müsse seine Freiheit haben, um in seinem Handlungsfreiraum seine innere Fähigkeiten voll entfalten zu können. Die jedem Menschen innewohnenden Eigenschaften wie Eigennutz, Egoismus, Selbsterhaltungstrieb und Vernunft führen durch die gegebene Freiheit zu einer Steigerung der Aktivitäten wodurch er sich und vor allem der Gesellschaft von größerem Nutzen ist. Adam Smith prägte unter anderem folgende Grundgedanken des Liberalismus. So sagte er, dass die persönliche Freiheit im Wirtschaftsleben naturgemäß sie und das Allgemeinwohl fördere. Die Harmonie der sozialen Beziehungen und die gesellschaftliche Ordnung wird hergestellt und gesichert durch die freie Entfaltung der eigenen Kräfte, welches vor allem auf der freien Verfügung des Eigentums beruht. Die Hauptaufgabe des Staates ist es, die persönliche Freiheit des einzelnen zu sichern und zu erhalten.

Nach Auffassung von Adam Smith führt der Eigennutz, der jedem Menschen inne wohnt, zu einer Arbeitsteilung in der Gesellschaft. Daraus ergibt sich, dass die Gesellschaft auf einen Austausch orientiert ist, wodurch sich ein Wirtschaftsleben entwickelt. Der Eigennutz dient so als Motor zur Entwicklung eines Wirtschaftslebens und führt zum Wohlstand der Allgemeinheit. Es entstehen Tauschbeziehungen vielfältiger Art, wodurch sich Entlohnungen und Güter der eigenen individuellen Leistung entsprechend gerecht verteilen. Der Wirtschaftsmarkt, der aus vielen Einzelinteressen blüht, wird zum gesellschaftlichen Gesamtnutzen führen. Nur so wird in der Wirtschaft sowie in der Politik, der größte Vorteil für alle erreicht werden.

So merkt Adam Smith an, dass die Gesellschaft in ihrem Wirtschaftsleben nicht vom Wohlwollen des Bäckers, Metzgers und Brauers abhänge, sondern von der Liebe zu sich selbst und der daraus folgenden Tätigkeit. Smith behauptete weiterhin, dass die Gesellschaft ein System positiver Gesetze benötige, um der Gerechtigkeit durch Sanktionen ihre Gelzung zu verschaffen. Zum Sinn der Gerechtigkeit, die zur Anerkennung von gemeinsamen Regeln führt, muss als Verstärker eine gemeinsame Ethik kommen, welche aus der Erfahrung und der Vernunft gewonnen wird. Als letzten Punkt führt Adam Smith als regulierende Instanz des Eigennutzes, welche die Ausbeutung verhindere, die Wirkung der Marktkonkurrenz an. Die Prinzipien der Erweiterung des Handels und die Verbesserung der Arbeitsteilung werden Ungleichheit und Ungerechtigkeit in der Welt eindämmen.

Zur bürgerlichen Vorstellung des Wirtschaftslebens hat sich zusätzlich eine protestantische Ethik gebildet, die das Prinzip der Rationalität im Alltag sowie im Wirtschaftsleben verbreite. Diese Ethik prägte die Vorstellung, dass ein Auserwähltsein durch Gott sich im materiellen Reichtum und Erfolg widerspiegele. Aus dieser Auffassung entwickelte sich das alltägliche Streben nach Erfolg und Reichtum, und in Unternehmen die Motivation Gewinn zu erwirtschaften. Zu diesem Zweck entstand ein hohes Maß an Arbeitsmoral und eine asketische Lebensführung. Die Arbeit und das Streben nach höchstmöglichem Gewinn wurde zum Selbstzweck. Die Arbeit in Verbindung mit der Sparsamkeit und eine wirtschaftlich vernünftige Lebensführung ermöglicht eine Kapitalbildung und fördert die Entstehung des Kapitalismus und somit den Wohlstand.

Aus diesem Grundgedanken heraus, bildeten sich neuere liberale Ansätze. So entstand unter anderem die Neoklassische Arbeitsmarkttheorie. Nach ihrer Auffassung kann es keine unfreiwillige Arbeitslosigkeit geben. Die Neoklassische Arbeitsmarkttheorie vertritt ein Modell der Konkurrenz, der Information, der Mobilität, der Homogenität, der flexiblen Löhne und Preise, wodurch Vollbeschäftigung herrscht. Unfreiwillige Arbeitslosigkeit gibt es nur dann, wenn die Funktionsfähigkeit des Arbeitsmarktes beeinträchtigt wird. Beeinträchtigungen sind staatliche und gewerkschaftliche Aktivitäten, welche den bezahlten Reallohn in Form von Mindestlöhnen über den Vollbeschäftigungslohn festlegen. 

Der ehemalige deutsche CDU Politiker Heiner Geißler, der im September 2017 verstorben ist, kritisiert den Neoliberalismus. Nach seiner Auffassung vernebelt der Neoliberalismus den Verstand vieler Köpfe der Regierungen, Parlamente und Wirtschaftsredaktionen, weil dieser Liberalismus behauptet, dass Armut immer selbst verschuldet und die Folge von Faulheit und Dummheit sei. In seinem Buch “Was würde Jesus heute sagen?”, schreibt er, dass Armut und Hunger aus seiner Sicht in Wirklichkeit die Folge verantwortungsloser Politik sei.

Um diese These zu untermauern nennt er Beispiele. Er schreibt, dass die landwirtschaftlichen Erzeugnisse, aber auch die einfachen  Textil- und Lederprodukte aus den Entwicklungs- und Armutsländern keine Chance hätten gegen die hochsubventionierte westliche Konkurrenz. Er schreibt weiter, dass durch eine gezielte Spekulation des westlichen Großkapitals gegen die thailändische Währung Bath, eingeleitet durch New Yorker Großbanken, u.a. die Investmentbank Goldman Sachs, es 1997 im Dominoeffekt zu dem Zusammenbruch der Währungen der wichtigsten ostasiatischen Aufsteigerländer und zum bisher größten Desaster der Finanzgeschichte (Stand 2003) gekommen sei. Der Kapitalmarkt brach zusammen, und die inländischen Firmen wurden billig von den westlichen Großkonzernen aufgekauft.

Der Internationale Währungsfonds (IWF) wurde von der US-Regierung mit stillschweigender Billigung der Europäer und der Japaner zum zentralen Schuldeneintreiber der westlichen Großbanken und Anleger umgewandelt und verhinderte mit seinen Instrumenten Liberalisierung, Deregulierung und Privatisierung eine rasche erfolgreiche Sanierung der betroffenen Staaten. Diese Liste ließ sich endlos weiter führen.  

(aus: Michael Drews: “Ursachen und Auswirkungen von Langzeitarbeitslosigkeit”, Braunschweig 1999)

Heiner Geißler: “Was würde Jesus heute sagen? – Die politische Botschaft des Evangeliums”, Rowoldt Verlag 2003