Machtmenschen in der Kirche

Machtmenschen in der Kirche

Im Grunde genommen bin ich in die Kirche hinein geboren, denn meine Eltern und auch deren Eltern waren sehr religiös. Genau genommen bin ich in die Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage (Mormonen) hinein geboren. Nicht das ich das als Qual empfunden habe, nein in der Kirche Jesu Christi habe ich mich von der Lehre her sehr wohl gefühlt, und ich glaube auch heute noch überwiegend an die Inhalte dieser Lehre, obwohl ich heute kein Mitglied mehr dieser Kirche bin. Aber die Lehre dieser Kirche soll hier an dieser Stelle nicht das Thema sein. Vielmehr die Menschen in der Kirche, und nicht nur in der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage, sondern in allen Kirchen dieser Welt. Denn Machtmenschen gibt es in jeder Kirche, unabhängig welche Lehrinhalte diese meinen verkünden zu müssen. Bevor ich auf die Machtmenschen in der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage näher eingehe möchte ich noch betonen, dass ich zwar kein Mitglied dieser Kirche mehr bin, denn heute gehöre ich der Evangelisch-Lutherischen Kirche an, allerdings kann ich mit deren Lehrinhalten gar nichts anfangen, zumal die meisten Menschen in Deutschland die der Evangelischen Kirche angehören, aus meiner Sicht völlig ungläubig sind. Man braucht nur mal einen sogenannten Christen der Evangelischen Kirche fragen woran er denn glaube? Zur Antwort bekommen sie in aller Regel verdutzte Blicke zugeworfen, oder eine einsilbige Antwort wie: “Ich glaube an Gott!” 

Im Grunde genommen bin ich in den 80er Jahren aus beruflichen Gründen evangelisch geworden, denn ansonsten findet man in Deutschland im Sozialen Bereich nur schwer eine Anstellung. In einer Demokratie darf man zwar seine Religion frei ausüben, allerdings wenn man kein Mitglied der Kirche ist die sich der ökumenischen Gemeinschaft (Katholiken und Protestanten) zusammengeschlossen hat, kann man mitunter sehr lange Arbeitslos sein, es sei denn es werden dringend hochqualifizierte Fachkräfte gesucht, dann wird von Seiten der Ökumene schon eine Lösung gefunden. Aber gut, ich möchte an dieser Stelle nicht zu sehr über die sogenannten Christen der Ökumene schreiben, nachher wird mir noch unterstellt, ich hätte was gegen die katholische oder evangelische Kirche. Nein, ich bin Christ und Humanist und möchte dem Menschen begegnen und nicht an Doktrinen gebundenen Marionetten, die sich hinter einer Fassade verstecken, dessen Inhalte sie eh nicht glauben geschweige denn danach leben. 

Das ich bis heute an den Lehrwerken der Kirche Jesu Christi festhalte, liegt wohl auch daran, dass mein Weltbild durch die Indoktrination meiner frühen Kindheit geprägt ist. Endraß und Kratzer konstatieren dazu, dass die Denkmuster die in der Kindheit erlernt werden, diese auch später als Erwachsene Menschen inne haben. Das erklärt auch, warum Menschen meist bei der Religion ihrer Kindheit bleiben und diese inhaltlich nur selten zu anderen Konfessionen wechseln. Außerdem lassen sensible Menschen, die vieles in Frage stellen und schon früh über den Sinn des Lebens nachdenken, sich leichter von religiösen und mystischen Dingen anziehen und beeinflussen, als solche, die leichtfüssiger durch Leben gehen. 

So durfte ich als Kind schon früh erleben, dass wo Menschen beieinander sind, in diesen Falle in der Kirche, eine Machtfrage entsteht. Das gilt innerhalb der Kirche und des Christentums genauso wie in der “Welt”. Dabei gibt es schlimme Formen des Machtmissbrauchs zu beobachten, nicht nur in der Politik, sondern auch in christlichen Gemeinden. Leider, so durfte ich das selbst erleben, scheinen die Opfer von Machtmenschen selten ernst zu werden. Vielfach werden die Opfer, wenn diese sich durchgerungen haben sich Hilfe zu holen, schon beim ersten Anlauf abgewiesen. Die Machtmenschen wissen das, und setzen ihr Verhalten unbehelligt weiter fort. Im 2. Korintherbrief spricht Paulus von “falschen Aposteln” und beschreibt, wie gelähmt die Gemeinde und ihre Leiter im Verhältnis zu diesen Menschen sind: “Ihr nehmt es hin, wenn euch jemand versklavt, ausbeutet, gefangenhält, auf euch herabsieht und euch ins Gesicht schlägt” (2. Korinther 11:20). 

In der Kirche Jesu Christi ist jedes Mitglied dazu angehalten ein Amt inne zu haben, um so die Kirche groß zu machen, wie es in dieser Kirche so schön heißt. So wird auch der Bischoff vorgeschlagen und in das Amt von allen Gemeindemitgliedern durch Abstimmung berufen. Ein Bischoff kann nur jemand werden der als würdig befunden wird und kein Mitglied etwas gegen diese Berufung einzuwenden hat. Außerdem muss dieser Bischoff Träger der Melchisedekischen Priestertums und würdig sein, was bedeutet, das dieser die Gebote und Verordnungen der Kirche befolgt und dementsprechend lebt. Zu der Zeit meiner Kindheit war der damalige Bischoff auch Lehrer in der Priestertumsklasse, wo die jungen Priestertumsträger des Aronischen Priestertums (ab 12 Jahren) unterrichtet wurden. So durfte ich einige Jahre erleben wie dieser mich immer wieder gern vor den anderen jungen Priestertumsträgern bloss gestellt, klein gemacht hat. Fing ich dann an zu weinen, so sah ich in seinen Augen ein Leuchten aufkeimen was ich heute als seine Genugtuung bewerte. Wenn ich Wochentags mit dessen Söhnen spielte, und wir im Streit auseinandergingen, so bekam ich unter dem Deckmantel der Frömmigkeit in der Priestertumsklasse vorgehalten bekam. Und natürlich war das keine Auseinandersetzung untern Kindern, sondern ein Fehlverhalten eines jungen Priestertumsträgers, der sich noch besser an die Vorgaben halten muss, die an einen Priestertumsträgers gestellt werden. Zu meiner Schmach kam noch der Umstand hinzu, dass ich bei den Auseinandersetzungen mit dessen Söhnen immer der “Schuldige” war. Das ein Erwachsener Mann geistig und seelisch einem Kind in aller Regel überlegen ist, muss ich an dieser Stelle kaum erwähnen.

Manchmal wurde ich von diesem Priestertumsträger auch bloß gestellt, in dem dieser mich vor der ganzen Klasse fragte, ob ich ihn nicht mögen würde? Natürlich habe ich nicht mit Nein geantwortet, denn das habe ich mich als Kind nicht getraut. Stattdessen war mir diese Frage peinlich, und ich wusste nicht was ich darauf antworten sollte. In solchen Situationen fing ich als Kind an zu weinen und hätte am liebsten die Klasse verlassen, denn ich hatte mich für meine Tränen geschämt. Wenn ich dann in der Klasse so da saß und weinte, war in dem Gesicht des “von Gott berufenen Priestertumsträger” Freude zu erkennen. Die Söhne dieses von Gott berufenen Bischoffs, die ebenfalls Mitglieder dieser Klasse waren, freuten sich natürlich über die Bloßstellung die ich erfuhr, denn diese erlebten dass offensichtlich als eine Art Racheakt, welcher in ihrem Namen vorgenommen wurde. Meine Eltern waren beide gläubige Kirchenmitglieder, sprachen diesen Bischoff zu diesen Vorgängen zwar an, allerdings trat dadurch keine Besserung auf. Stattdessen wurde ich nicht ernst genommen, als “zu empfindlich” bezeichnet, und ins lächerliche gezogen. Irgendwann wollte ich nicht mehr zur Kirche gehen, weil ich diese Demütigungen nicht mehr aushielt. Der seelische Druck den ich damals empfand, ging so weit, dass ich dadurch als Kind schon Bronchialasthma entwickelte. Dieses Asthma sollte ich erst wieder mit 25 Jahren durch eine lange psychotherapeutische Behandlung los werden.

Bei diesem von “Gott berufenen” Priestertumsträger handelt es sich eindeutig um einen Machtmenschen, welche den unbändigen Drang haben, die Herzen und Gedanken anderer Menschen zu lenken. Sören Kierkegaard, der dänische Philosoph und Theologe, der im 19. Jahrhundert lebte und die Christen in ihrem Handeln sehr kritisierte nennt diese Handlungsorientierung die “Kontinuierlichkeit der Sünde “. Um welche Art von Sünde soll es sich aber bei dieser Handlungsorientierung solcher Machtmenschen handeln? In Jakobus 1:14-16 lesen wir dazu: “Wer versucht wird, wird von seinen eigenen Begierden gereizt und gelockt. Wenn die Begierde geschwängert ist, gebiert sie die Sünde, wenn aber die Sünde reif ist, gebiert sie den Tod”. Jakobus schreibt weiter in 3:16 und 4:1-2, das Machtmenschen von Neid, Selbstbehauptung und Machtlüsternheit getrieben werden. Da alle Menschen solchen Begierden in unterschiedlicher Ausprägung ausgesetzt sind, schreibt Petrus in 1:11, “Haltet euch frei von selbstsüchtigen Begierden, die gegen die Seele streiten”. Es kann sein, dass sich der Machtmensch so lange dem Machtrausch hingibt, bis dieser die Steuerung seiner gesamten Persönlichkeit übernimmt. Dann besteht die Gefahr, dass es zum geistigen Tod kommt.

Machtmenschen müssen immer im Zentrum der Aufmerksamkeit stehen. Sie lieben Situationen, in denen ihre Umwelt über sie reden. Es macht ihnen wenig aus, ob gut oder schlecht über sie geredet wird, solange sie das allgemeine Interesse auf sich konzentrieren können. Er sieht den Splitter im Auge der anderen, aber nicht den Balken in seinem eigenen Auge. Viele dieser Machtmenschen halten ihre Handlungen für die rechte Lehre und schlagen dabei häufig weit über die Stränge. Oft sind ihre Ansichten einseitig und unausgewogen. Sie neigen auch dazu ihre Mitmenschen ziemlich rücksichtslos zu behandeln. Taktische Schachzüge gehören durchaus zu dem Repertoire von Mitteln, die sie einsetzen, um ihr Ziel zu erreichen. Was ein Machtmensch am anderen anklagt, ist in Wirklichkeit sein eigenes  Unrecht. Ein unberechtigter Verdacht ist fast immer ein Selbstporträt dessen, der ihn äußert.

Christen sind oft auch zu einer Art von Demut erzogen worden, die es ihnen schwer macht, sich zu verteidigen. Wenn sie ständig diesen dramatischen Anklagen ausgesetzt sind oder wegen jeder Kleinigkeit  zurechtgewiesen werden, werden sie dünnhäutig und zucken schon zusammen, wenn der Machtmensch die Stimmlage ein wenig erhöht. Am Ende befinden sie sich in einem Zustand krankhafter Schuldgefühle und fühlen sich körperlich, seelisch und geistlich schmutzig und minderwertig. Machtmenschen verkündigen jedoch nie die Gnade Gottes, selbst wenn sie sich noch so sehr auf die Bibel berufen. Sie sind Tag und Nacht damit beschäftigt, die moralische Vervollkommnung anderer voranzutreiben. Ihre Enthüllungen sind grausam, aber sie haben immer ein gutes Gewissen, während sie gnadenlos angreifen. “Die größte Freude des Moralisten besteht darin, dass er guten Gewissens grausam ist”, sagte der Philosoph Bertrand Russel. Das Ziel eines Machtmenschen ist immer dasselbe, allen Widerstand zu brechen, damit sie selbst befehlen und herrschen können. Deshalb decken sie auch die kleinste Normabweichung unbarmherzig auf. Sie halten die Wunden offen und streuen Salz hinein. Sie machen sich fremde Minderwertigkeits- und Unsicherheitsgefühle zu nutze. Machtmenschen, wie ich es beschrieben habe, richten ihre Angriffe in der Regel gegen die schwächsten Mitglieder einer Gemeinde.

Als Jugendlicher mit 17 Jahren sah ich damals nur eine Möglichkeit den Machtgelüsten diesen von Gott berufenen Priestertumsträgers zu entkommen, nämlich der destruktive Ausbruch aus kichlichen Einfluss und familiären Bezügen. Der Drang, sich von Eltern und anderen Autoritäten freizumachen, ist in den Jahren bis 20 ganz normal. Das kann in Fällen wie ich oben beschrieben habe sehr hilfreich sein. Es gibt aber auch viele junge Menschen, die einen lebenslangen Schaden davontragen. Wenn diese nicht ausbrechen, kann es geschehen, das sie zerbrechen.         

Literatur:

Anselm Grün / Wunibald Müller: “Was macht Menschen krank, was macht sie gesund”? Vier-Türme Verlag 2006

Elke Endraß / Siegfried Kratzer: “Wenn Glaube krank macht – Wege aus der Krise”, Kreuz Verlag, Stuttgart 2005

Edin Lövas: “Wölfe im Schafspelzen – Machtmenschen in der Gemeinde”, Brendow Verlag, Moers 1996