Soziale Arbeit

Soziale Arbeit

Über Soziale Arbeit gibt es viele Bände von Literatur, die Bibliotheken füllen. Da wird wunderbar über die Aufgabenfelder, die Arbeitsmethoden, die jeweiligen Behördenstrukturen und, was das wichtigste ist, über das Klientel der Sozialen Arbeit ausgiebig geschrieben. So wird das Klientel mit deren Problemfeldern, Persönlichkeitsstrukturen und auch dementsprechende handlungsorientierte Arbeitsmethoden abgehandelt. Nur eines kommt in aller Regel in diesen Abhandlungen, die Wände füllen zu kurz, oder werden erst gar nicht erwähnt. Das ist die Persönlichkeit des Sozialarbeiters / Sozialpädagogen selbst. In meinem Berufsleben als Erzieher und Sozialpädagoge sind mir in den unterschiedlichen Jahrzehnten viele Menschen begegnet, die in dieser Profession eigentlich gar nicht arbeiten dürften. Da werden eigene Machtgelüste ausgelebt, eigene Bedürftigkeiten am Klientel abgearbeitet, sich in seinen vermeintlichen Erfolgen gesuhlt, und vieles mehr. 

Das schlimmste von allen ist, wenn das Klientel, wofür diese Arbeit im Grunde geleistet werden soll, darunter leidet und nicht die Zuwendung bekommt, die es bekommen könnte, wenn die Bediensteten der Sozialen Arbeit sich selbst reflektieren und an sich arbeiten würden. Allerdings ist jede Veränderung mehr oder weniger schmerzvoll, und so wird sich am Status Quo festgehalten so gut es geht und solange es der Wandel in der Arbeitswelt zulässt. Sozialarbeiter leben sehr oft die Macht ihrer Stellung gegenüber dem Klientel mit Überheblichkeit aus, und sind gegenüber anderen Mitarbeitern falsch, link und hintertrieben. Dieses ist leider alles eine Folge, des gesellschaftlichen Wandels im Allgemeinen, und auch in der Arbeit selbst. So wird es immer schwerer sich bei bestimmten Aufgabenstellungen des Arbeitsfeldes dem Klientel gegenüber abzugrenzen, und so wird dann eine Rolle gespielt, die das Innerste gar nicht widerspiegelt. Dadurch verkommt meines erachtens Soziale Arbeit zu einem unkoordinierten Stückwerk des jeweiligen Sozialarbeiters. 

Als Sozialarbeiter / Sozialpädagoge ( ich bin Inhaber beider Abschlüsse) kam ich selbst zweimal in das Vergnügen, Klientel meiner ach so lieben und professionellen Berufskollegen zu werden. Das war alles andere als angenehm, denn in dieser Rolle bekam ich das wahre Bild und die wahre Qualifikation meiner Berufskollegen am eigenen Leibe zu spüren. Ich fühlte mich alles andere als gut aufgehoben und erfuhr, mit wenigen Ausnahmen, wie schlimm es sein kann diesen sogenannten Profis ausgeliefert, weil abhängig von deren Beurteilung, zu sein. Ich erlebte Sozialarbeiter, die keine Fallarbeit im klassischen Sinne betrieben, sondern lediglich aus dem Bauch heraus arbeiteten. In den 80er Jahren war es unter Sozialarbeitern noch üblich, sich seine unaufgearbeiteten Kindheitserinnerungen in Eigenanalyse und Psychotherapie sowie in internen Supervisionen anzusehen. Das ist heute nicht mehr üblich, da man meint, man wäre Profi genug um seine blinden Flecken selbst zu bearbeiten. Dem Klienten fehlt zwar in aller Regel das Fachwissen, aber es spürt sehr genau, ob ein Mensch echt und authentisch ist, oder nicht. In der Sozialarbeit halte ich den klientenzentrierten Ansatz für sehr wichtig als Methode des Sozialarbeiters zur Bildung und Formung seiner eigenen Persönlichkeit und Arbeitsrolle.

Mit der Methode der Klientenzentrierten Gesprächsführung macht der Sozialarbeiter der Klientel gegenüber ein Beziehungsangebot. Ausschlaggebend für die Annahme des Beziehungsangebotes von der Seite des Klienten ist vorrangig das Verhalten des Sozialarbeiters. Deshalb ist es wichtig, dass der Sozialarbeiter sich im Sinne der Klientenzentrierten Gesprächsführung verhält. Sein Verhalten, seine Einstellung, seine Auffassungen von seiner Rolle sind Faktoren, die die Beratungssituation beeinflussen. Wie sieht der Sozialarbeiter sein Gegenüber, gesteht der Sozialarbeiter seinem Klientel dem ihm gebührenden Wert zu? Neige ich als Sozialarbeiter dazu den Menschen mit eigenem Wert zu behandeln, oder entwerte ich diesen im Stillen für mich mit meiner Einstellung sogar? Achte ich als Sozialarbeiter die Befähigung des Klienten und sein Recht auf Selbstlenkung, oder bin ich der Meinung den Klienten momentan besser lenken zu können als er selbst? Bin ich als Sozialarbeiter dazu in der Lage dem Klienten zuzugestehen, dass er seine Wertvorstellungen für sein Leben selbst wählt und kann ich das respektieren?

Nach Rogers muss der Sozialarbeiter bemüht sein, den Beratungsprozess mit dem Klienten als fortlaufendes Geschehen zu betrachten. Diese Einstellungshaltung steht in engem Zusammenhang mit dem Bemühen des Sozialarbeiters um persönliche Entwicklung und Weiterentwicklung. Der Sozialarbeiter kann nur soweit den Klienten in seiner Eigenart respektieren, solange dieser Respekt für den Klienten in der Persönlichkeitsstruktur des Sozialarbeiters verankert ist. Der klientenzentrierte Gesprächsführungsansatz ist somit also nicht ausschließlich als Methode zur Gesprächsführung mit dem Klienten zu sehen, sondern als Auftrag für den Sozialarbeiter aktiv an seiner persönlichen Entwicklung und Inkongruenz zu arbeiten, um für den Klienten ein möglichst vollständiger Sozialarbeiter zu sein. Carl Rogers sagt dazu, dass der Sozialarbeiter ein andere Mensch als der Klient sei, und sich deshalb nicht auf Anhieb das Verstehen mit dem Klienten einstellt, sondern der Sozialarbeiter muss sich um intensive und beständige Aufmerksamkeit bezüglich der Gefühlswelt des Klienten bemühen, welche jede andere Form der Aufmerksamkeit ausschließt.

Nach Rogers sollte der Sozialarbeiter dem Klienten eine Basis des Vertrauens schenken, indem dieser ihm durch positive Zuwendung zeigt, dass er ein Mensch von Wert und Würde ist. Dieses geschieht unter anderem dadurch, dass der Sozialarbeiter seine ganze Aufmerksamkeit und Anstrengung darauf richtet, den Klienten so wahrzunehmen und zu verstehen, wie er sich selbst wahrnimmt und versteht. Hans Joachim Schwartz hält das praktizieren der Methode der Klientenzentrierten Gesprächsführung nur solange für legitim, wie der Sozialarbeiter sich der Tatsache bewusst ist, dass diese Methode nur für ihn selbst erlernt wird, also dazu dient offener gegenüber dem eigenen Erleben zu werden. Schwartz fragt: “Warum braucht der Sozialarbeiter eine Methode um zum Klienten eine Beziehung aufzubauen? Wenn der Sozialarbeiter wirklich kongruent, empathisch und unbedingt wertschätzend ist, dann muss dieser auch nicht überlegen, wie er diesen Zustand dem Klienten näher bringt. Nach Schwartz sieht es fast so aus, als ob hinter den Beziehungsherstellungsvorschlägen des Sozialarbeiters auch ein Misstrauen steckt, dass der Klient den Sozialarbeiter wirklich so versteht, wie dieser auch verstanden werden möchte. Oder es steckt dahinter die Furcht, dass der Klient merkt, dass eine Diskrepanz beim Sozialarbeiter besteht zwischen dem, was er zeigt und dem, was wirklich in ihm vorgeht.

Schwartz fordert die Sozialarbeiter auf, die das klientenzentrierte Gesprächsführungskonzept als Methode anwenden wollen, dieses Vorhaben zu lassen. Statt dessen sollten sie sich die Zeit nehmen sich in kongruenter und selbstempathischer Weise darum Bemühen, ihre Motivation zum Helfen zu erforschen. In diesem Zusammenhang sollte der Sozialarbeiter sich mit seinen Wünschen und Ängsten in Bezug auf Nähe und Distanz und mit der Übernahme von Verantwortung sich und dem Klienten gegenüber auseinandersetzen. In diesem Zusammenhang fällt mir als Klient eine Begegnung mit einer Sozialarbeiterin ein, wo sie mir erzählte, dass sie mir gegenüber Schwierigkeiten hat, ihre Rolle als Sozialarbeiterin einzunehmen. Hier stellt sich die Frage: “Hatte sie Schwierigkeiten ihrem Anspruch als Sozialarbeiterin gerecht zu werden, oder hatte sie Angst, dass ich ihre inkongruente Persönlichkeit entdecken könnte. Abschließend ist festzuhalten, dass viele Sozialarbeiter Geld bekommen, welches sie sich nicht verdient haben.

In diesem Sinne fällt mir ein bereits verstorbener alter lehrender Sozialarbeiter ein, der mir einmal erzählte, dass viele Sozialarbeiter heute nicht mehr ausbrennen können, nämlich weil sie niemals für ihren Beruf gebrannt haben. 

Literatur:

Carl R. Rogers: “Die klientenzentrierte Gesprächspsychotherapie”, 13. Auflage, Fischer Verlag 1999

Hans-Joachim Schwartz:“Wider das klientenzentrierte Verhalten in der Sozialarbeit”, in: Zeitschrift für personenzentrierte Psychologie und Psychotherapie, Jahrgang 3, Heft 2, Beltz Verlag 1984

Sabine Weinberger:“Klientenzentrierte Gesprächsführung – Eine Lern- und Praxisanleitung für helfende Berufe”, 8. Auflage, Beltz Verlag 1998